Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/425/
Die Entstehung des Bewusstseins. 421 
die Steigerung der sinnlichen Lebhaftigkeit und Bestimmtheit 
hinzu. 
Dazu kommt noch in allen Fällen die bis jetzt unerwähnte 
Verhinderung der Störung durch andere Wahrnehmungen, welche 
von der höchsten Wichtigkeit ist. Für gewöhnlich besteht näm¬ 
lich im wachen Zustande ein gewisser Tonus der Aufmerksamkeit 
im ganzen sensiblen Nervensysteme, der natürlich für jeden ein¬ 
zelnen Punct desselben schwach ist und erst durch einen stärker 
wirkenden Beiz reflectorisck in dieser Bichtung erhöht wird. 
Dadurch entsteht für gewöhnlich eine grosse Theilung und Zer¬ 
streuung der Aufmerksamkeit, so dass das Bewusstsein einen un¬ 
endlich gemischten Inhalt von lauter schwachen Wahrnehmungen 
in sich findet. Entsteht aber nun eine starke Anspannung der 
Aufmerksamkeit in bestimmter Bichtung, also z. B. auf einen 
Sinn, oder auf das Gehirn allein, so kann dies bei der begrenzten 
Kraftsumme des Organismus nur auf Kosten der Aufmerksamkeit 
in allen anderen Richtungen geschehen, und daher ist jede ein¬ 
seitig erhöhte Aufmerksamkeit eine Concentration derselben, 
wTelcke mit der Zerstreuung einen Gegensatz bildet. Statt der 
unendlich vielen schwachen Wahrnehmungen findet nun das Be¬ 
wusstsein Eine energische Vorstellung als seinen Inhalt, während 
die Summe aller übrigen Wahrnehmungen auf ein Minimum re- 
ducirt ist. Man sieht, dass sich der Inhalt wesentlich verändert 
hat, so sehr, dass er zur Erklärung des veränderten Zustandes 
vollkommen genügt, es ist Nichts vorhanden, was auf eine gra¬ 
duelle Veränderung des Bewusstseins an sich hindeutete. An¬ 
dererseits liegt es aber auf der Hand, wie leicht eine mangel¬ 
hafte Unterscheidung der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins 
zu der Meinung führen kann, dass das Bewusstsein ebenso wie 
die Aufmerksamkeit Grade habe, und sehr häufig wird man fin¬ 
den, dass Bewusstsein gesagt wird, wo Aufmerksamkeit gemeint 
wird. Die Aufmerksamkeit kann Grade haben, weil sie in Ner- 
vensckwingungen besteht, und bei allen Nervenschwingungen die 
Grösse der Schwingungsamplitude die Stärke der Empfindung 
bedingt; das Bewusstsein aber kann keine Grade haben, weil 
sie eine immaterielle Reaction ist, die entweder eintritt oder 
nicht, aber wenn sie eintritt, immer in derselben Weise erfolgt. 
Der Unterschied von Bewusstsein und Selbstbewusstsein ist 
schon zu Anfänge dieses Capitels angedeutet worden. Das Selbst¬ 
bewusstsein kann natürlich nicht ohne Bewusstsein, wohl aber
        

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