Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/402/
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Abschnitt C. Capitel If. 
Eine noch unglücklichere Anführung für das leibfreie Bewusst¬ 
sein ist das schon erwähnte bisweilen statttindende Wiederkehren 
des Bewusstseins vor dem Tode. Auch hier spielt jene innere 
Hyperästhesie des Hirnes bei äusserer Anästhesie mit, welche 
mitunter jene Verklärung des Geistes hervorbringt, die ihre 
Wahrsagungen und Gedächtnissschärfe mit dem somnambülen 
Zustande, ihre freudige Buhe und stille, schmerzlose Heiterkeit 
mit dem gleichen Nervenzustande (Analgesie) bei den höchsten 
Graden der Tortur oder gewissen narkotischen Bauschen gemein 
hat. Die Anästhesie nach Aussen ist dabei nur das natürliche 
Gegengewicht gegen die innere Hyperästhesie, wir finden die¬ 
selbe ebenfalls bei der Entrückung der mystischen Asketiker, 
bei den Somnambülen, bei schwachen Graden des Chloroformirens 
und bei vielen anderen Narkosen, z. B. Haschisch; auch bei 
manchen Zuständen des Wahnsinns zeigt sie sich bisweilen; 
so beweist also dieses Gefühl der Leibfreiheit keineswegs eine 
Minderung, sondern vielmehr eine Steigerung des Gehirnreizes, 
und nichts weniger als die Leibfreiheit des Bewusstseins. Ganz 
ähnliche Umstände führen die ähnlichen Erscheinungen kurz vor 
dem Ertrinken herbei. Wenn endlich als Kriterium des leib¬ 
freien Bewusstseins die Aufhebung der Zeit in der Gedanken¬ 
folge behauptet wird, so wäre dies gleichbedeutend mit dem 
intuitiven, zeitlosen, momentanen, impliciten Denken, welches 
jedem discursiven Bewusstsein, als welches Vergleichen expliciter 
Vorstellungen verlangt, widerspricht. Es wird aber auch in den 
Beispielen nur der schnellere Gedankenlauf angeführt, wie er 
eben bei Zuständen der höchsten Gehirnreizung, bei narkotischen 
Vergiftungen, vor dem Ertrinken u. dgl. vorkommt, und seit jeher 
als die Ideenflucht bei gewissen Formen des Wahnsinnes bekannt 
ist. Was Wunder, dass in einem überreizten Gehirne die Vor¬ 
stellungen schneller als gewöhnlich auf einander folgen? So 
lange überhaupt noch die Vorstellungen zeitlich auf einander 
folgen, beweisen sie die Einwirkung der Materie, durch deren 
Schwingungen erst die Zeit in’s Denken kommt, so wie aber 
das Denken leibfrei ist, ist es zeitlos und damit unbewusst. 
Was wir in diesem Capitel vom menschlichen, als dem 
höchsten uns bekannten Bewusstsein, bei welchem man am 
ehesten eine Selbstständigkeit vom Leibe vermuthen könnte, 
nachgewiesen haben, gilt selbstredend auch von den Ganglien 
der niederen Thiere, welche das Gehirn der Wirbelthiere ersetzen,
        

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