Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/401/
Gehirn und Ganglien als Bedingung des thierischen Bewusstseins. 397 
wusste erkannten geistigen Hintergrund des Hirnbewusstseins, 
den freilich diejenigen, welche nur bewusste Geistesthätigkeit 
kennen, für ein zweites Bewusstsein halten müssen; was aber 
ausdrücklich für die Zweiheit des Bewusstseins angeführt 
wird, ist sehr unglücklich gewählt. Zunächst wird das Bewusst¬ 
sein des magnetischen Schlafes als leibfreies Bewusstsein in An¬ 
spruch genommen, welches sich doch vom Bewusstsein des 
Traumes im gewöhnlichen Schlafe nur dadurch unterscheidet, 
dass die Communication mit den äusseren Sinnen etwas weniger 
behindert und der functionirende Theil des Gehirnes sich in einem 
Zustande künstlicher Hyperästhesie (Ueberreizung, Ueberempfind- 
lichkeit) befindet, welcher zur Folge hat, dass erstens die Ein¬ 
wirkungen des Unbewussten leichter in7s Bewusstsein treten kön¬ 
nen, und dass zweitens die Ausschlagsweite der Hirnschwingun¬ 
gen bei gleicher Lebhaftigkeit der Vorstellung geringer als sonst 
ist, und folglich geringere Gedächtnisseindrücke hinterlässt, welche 
wie bei den meisten gewöhnlichen Träumen nach Verschwinden 
der Hirnhyperäthesie zwar vorhanden bleiben, aber zu schwach 
sind, um auf die gewöhnlichen Reize in die bewusste Erinnerung 
zurückzukehren. 
Demnach ist es kein Wunder, dass das Traumbewusstsein 
sowohl die Erinnerungen des wachen, als seine eigenen in sich 
fassen kann, aber nicht umgekehrt. Ueberhaupt ist der somnam¬ 
bule Traum mit dem gewöhnlichen durch die Schlafbewegungen 
und die verschiedenen Stufen des Nachtwandeins und des spon¬ 
tanen Somnambulismus so stetig verknüpft, dass es ganz unmög¬ 
lich ist, in ihm ein leibfreies Bewusstsein erkennen zu wollen; 
und dann ist es auch mit dem Bewusstsein dieser Zustände 
nicht weit her, sie sind eher ein träumerisches Halbbewusstsein, 
als ein gesteigertes Bewusstsein zu nennen, und die bisweilen 
beobachteten, stets nur kurzen Lichtblitzen gleichenden erhöhten 
geistigen Leistungen kommen theils auf Rechnung der erleichter¬ 
ten Eingebung des Unbewussten, theils auf Rechnung der Hirn¬ 
hyperästhesie an sich, welche ein leichteres Auftauchen der 
Erinnerungen zur Folge hat, wie denn in solchen Zuständen Er¬ 
innerungen aus frühen Zeiten von scheinbar längst vergessenen 
Dingen zum Vorscheine kommen, die so schwach waren, dass 
im normalen Hirnzustande keine zu ihrer Erweckung genügenden 
Reize vorgekommen waren. So erklärt sich Alles natürlich 
aus bekannten Gesetzen, ohne dass irgendwo jene geschraubte 
Hypothese nutzbar würde.
        

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