Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/370/
366 
Abschnitt B. Capitei XL 
2. Das Unbewusste giebt im Distincte jedem Wesen das, 
was es zu seiner Erhaltung nöthig braucht, und wozu sein be¬ 
wusstes Denken nicht ausreicht, z. B. dem Menschen die In- 
stincte zum Yerständniss der Sinnes Wahrnehmung, zur Sprach- 
und Staatenbildung und viele andere. 
3. Das Unbewusste erhält die Gattungen durch Geschlechts¬ 
trieb und Mutterliebe, veredelt sie durch die Auswahl in der Ge¬ 
schlechtsliebe, und führt die Menschengattung in der Geschichte 
unverrückt dem Ziele ihrer möglichsten Vollkommenheit zu. 
4. Das Unbewusste leitet die Menschen beim Handeln oft 
durch Ahnungen und Gefühle, wo sie sich durch bewusstes 
Denken nicht zu rathen wüssten. 
5. Das Unbewusste fördert den bewussten Denkprocess durch 
seine Eingebungen im Kleinen wie im Grossen, und führt die Men¬ 
schen in :.er Mystik zur Ahnung höherer, übersinnlicher Einheiten. 
6. Es beglückt die Menschen durch das Gefühl für’s Schöne 
und die künstlerische Production. — 
Vergleichen wir nun Bewusstes und Unbewusstes mit ein¬ 
ander, so springt zunächst in die Augen, dass es eine Sphäre 
giebt, weiche überall dem Unbewussten allein überlassen bleibt, 
weil sie dem Bewusstsein ewig unzugänglich ist ; wir finden 
zweitens eine Sphäre, welche bei gewissen Wesen nur dem Un¬ 
bewussten gehört, bei anderen aber auch dem Bewusstsein zu¬ 
gänglich ist; sowohl die Stufenleiter der Organismen, als der 
Gang der Weltgeschichte kann uns belehren, dass aller Fort¬ 
schritt in Vergrösserung und Vertiefung der dem Bewusstsein 
aufgeschlossenen Sphäre besteht, dass also das Bewusstsein in 
gewissem Sinne das Höhere von beiden sein muss. Betrachten 
wir ferner im Menschen die sowohl dem Unbewussten, als dem 
Bewusstsein angehörige Sphäre, so ist soviel gewiss, dass Alles, 
was irgend das Bewusstsein zu leisten vermag, vom Unbewussten 
ebenfalls geleistet werden kann, und zwar immer noch treffen¬ 
der, und dabei schneller und für das Individuum bequemer, da 
man sich für die bewusste Leistung anstrengen muss, während 
die unbewusste von selbst und mühelos kommt. Diese Bequem¬ 
lichkeit, sich dem Unbewussten, seinen Gefühlen und Eingebungen 
zu überlassen, kennen auch die Menschen recht wohl, und darum 
ist bei allen faulen Köpfen die bewusste Vernunftanwendung in 
Allem und Jedem so verschrieen. Dass das Unbewusste wirk¬ 
lich alle Leistungen der bewussten Vernunft überbieten kann, 
das lässt sich nicht nur von vornherein aus dem Hellsehen des
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.