Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/368/
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Abschnitt B. Capitel XL 
Lust und Unlust besteht in Befriedigung und Nichtbefriedigung 
des Begehrens, welche von Aussen gegeben werde, und welche 
der Mensch nur dadurch beeinflussen kann, dass er in die 
äusseren Umstände entsprechend eingreift, was der Zweck alles 
Handelns ist. Wenn seine Macht dazu nicht ausreicht, die Be¬ 
friedigung seiner Begehrungen herbeizuführen, so muss er eben 
die Unlust tragen, und kann dann diese nur dadurch vermindern 
oder vernichten, dass er die Begehrung vermindert oder ver¬ 
nichtet, in deren Nichtbefriedigung die Unlust besteht. Wenn 
man dies consequent bei jeder Unlust durchführt, so stumpft 
man nach dem Gesetz der Gewohnheit die Erregungsfähigkeit 
der Begehrungen ab, vermindert mithin ebenso die zukünftigen 
Lustempiindungen als die zukünftigen Unlustempfindungen. Wer 
mit mir der Ansicht ist, dass im Menschenleben durchschnittlich 
die Summe der Unlustempfindungen die Summe der Lustempfin¬ 
dungen bei Weitem überwiegt, wird dieses allgemeine Prineip 
der Abstumpfung als logische Consequenz dieser Ansicht zu¬ 
geben müssen ; wer aber dieser Ansicht nicht oder nur bedin¬ 
gungsweise beitritt, den verweise ich auf die nicht unbeträcht¬ 
liche Anzahl derjenigen Unlustempfindlingen, denen gar keine 
Lustempfindung gegenübersteht, d. h. bei denen die Befriedigung 
der zu Grunde liegenden Begehrung ausser dem Bereich der 
Möglichkeit liegt, als z. B. bei Schmerz über vergangene, nicht 
mehr zu redressirende Ereignisse, Aerger, Ungeduld, Neid, Miss¬ 
gunst, diejenige Reue, welche keinen sittlichen Nutzen bringen 
kann, ferner übermässige Empfindlichkeit, grundlose Eifersucht, 
übermässige Aengstlichkeit und Besorglichkeit für die Zukunft, 
zu hoch verstiegene Ansprüche im Leben u. s. w. — Man er¬ 
wäge nur, wie viel das Leben der Menschheit gewinnen würde, 
wenn man jeden einzelnen dieser Feinde des Seelenfriedens aus 
der Welt streichen könnte, — der Vortheil wäre unberechenbar; 
und doch steht einem Jeden frei, durch Anwendung der bewussten 
Vernunft sein Leben von diesen Störenfrieden zu reinigen, wenn 
er nur bei einigen misslungenen Versuchen nicht gleich den 
Muth zum Kampfe verliert. — So haben wir hier einen dritten 
Grund zur Unterdrückung der Affecte gefunden. 
8. Gewährung des höchsten und dauerndsten 
menschlichen Genusses im Forschen nach Wahr¬ 
heit. Je concentrirter und heftiger ein Genuss ist, desto kürzere 
Zeit kann er nur dauern, bis die Reaction eintritt, und desto 
länger muss man bis zu seiner Wiederholung warten; man denke
        

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