Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/350/
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Abschnitt B. Capitel X. 
Lebens auch in politischer und geistiger Beziehung durch die 
Renaissance der Antike ermöglichte. Da die Kirche erst als das 
zweite Element auftrat, konnte sie den bereits vorgetundenen 
Staat nicht mehr in der Weise resorbiren, wie im antiken Leben 
der Staat die noch unentwickelte Kirche, sondern sie konnte ihn 
nur in die zweite Reihe zurückdrängen und für sich selbst die 
erste Stelle occupiren. Während im letzten Jahrhundert das welt¬ 
liche Leben wieder über das geistliche die Oberhand gewann, 
war es nur scheinbar der Staat als solcher, der den Sieg über 
die Kirche gewann; in Wahrheit sind es die socialen Interessen, 
welche die kirchlichen zurückgedrängt haben, und nur weil die 
Gesellschaft als solche erst im Begriff ist, sich einen eigenen 
Organismus zu schaffen, ist es vorläufig der Staat gewesen, der 
die Kirche in Wahrnehmung und Vertretung gewisser socialer 
und namentlich wirtschaftlicher Interessen überholte und ihr so 
überhaupt den Vorrang ablief, während andrerseits auch die bis¬ 
herige Kirche ihre beste Beharrungskraft aus gewissen noch jetzt von 
ihr vicarirend vertretenen socialen Functionen schöpft. Diese Phase 
ist deshalb so besonders interessant, weil sie wahrhaft etwas 
Neues unter der Sonne bietet. Die beginnende Entwickelung der 
Gesellschaft als solchen zu einemselbstständigen Organismus 
neben Staat und Kirche ist eben etwas so Neues, dass es nur 
erst Wenige giebt, welche überhaupt etwas davon merken. Die 
Meisten glauben, weil der Staatsorganismus gegenwärtig vicari¬ 
rend sociale Functionen vollziehen muss (z. B. Jugendunterricht, 
Armenpflege, Zinsgarantien für industrielle Unternehmungen), diese 
Dinge seien wirklich Staatsaufgaben, und ziehen dann wohl gar 
wie Lassalle die Consequenz, ihm die Errichtung von Produc¬ 
tivassociationen zuzumuthen, anstatt vielmehr an der Organisation 
der Gesellschaft und der Uebertragung der bisher vom Staate 
versehenen socialen Functionen auf letztere mitzuwirken. Wo 
aber ausnahmsweise die begriffliche Getrenntheit von Staat und 
Gesellschaft und die Nothwendigkeit, allmählich eine reale Tren¬ 
nung zu vollziehen, erkannt wird, da wird wohl gar statt der 
Harmonie der politischen und socialen Interessen, von einem 
noth wendigen und unversöhnlichen Widerstreit beider gefabelt 
(Gneist). Die Gesellschaft umfasst, negativ ausgedrückt, das 
weite Gebiet der Lebensbeziehungen und Verkehrsformen, die 
nicht mit den Begriffen Staat und Kirche gegeben sind, sie ist 
positiv ausgedrückt, die Organisation der Arbeit im wei-
        

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