Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/337/
Das Unbewusste in der Geschichte. 
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Aber gesetzt den Fall, wir Hessen sogar die empirische 
Willensfreiheit gelten, so würde, wenn wir überhaupt einen 
planvollen Entwickelungsgang in der Geschichte anerkennen, 
dieser doch nur dann das Resultat der Freiheit der Individuen 
sein können, wenn das Bewusstsein des nächsten zu thuenden 
Schrittes mit seiner ganzen Bedeutung und seinen Folgen in 
jedem mit Freiheit an der Geschichte Mitwirkenden vorhanden 
wäre, ehe er thätig eingreift. 
Allerdings nähern wir uns seit dem letzten Jahrhundert 
jenem idealen Zustande, wo das Menschengeschlecht seine Ge¬ 
schichte mit Bewusstsein macht, aber doch nur sehr von Weitem 
und in hervorragenden Köpfen, und Niemand wird behaupten 
wollen, dass der bei Weitem grössere schon zurückgelegte Theil 
des ganzen Weges auf diese Weise überwunden sei. Denn die 
Zwecke des Einzelnen sind immer selbstsüchtig, Jeder sucht nur 
sein Wohl zu fördern, und wenn dies zum Wohle des Ganzen 
ausschlägt, so ist des sicher nicht sein Verdienst; die Ausnahmen 
von dieser Regel sind so selten, dass sie für das grosse Ganze 
gar nicht in Betracht kommen. Das Wunderbare ist aber dabei, 
dass auch der Geist, der das Böse will, das Gute schafft, dass 
die Resultate durch Combination der vielen verschiedenen selbst¬ 
süchtigen Absichten ganz andere werden, als jeder Einzelne ge¬ 
dacht hatte, und dass sie letzten Endes doch immer zum Wohle 
des Ganzen ausschlagen, wenn auch oft der Nutzen etwas weit¬ 
aussehend ist, und Jahrhunderte des Rückschrittes dem zu 
widersprechen scheinen; aber dieser Widerspruch ist nur schein¬ 
bar, denn sie dienen nur dazu, die Kraft eines alten Gebäudes 
zu brechen, damit ein neues, besseres Platz findet, oder eine 
Vegetation verwesen zu lassen, damit sie den Dünger zu einer 
neuen, schöneren giebt. Auch Jahrtausende des Stillstandes auf 
einer Stelle der Erde dürfen uns nicht beirren, wenn nur diese 
Culturstufe zu irgend einer Zeit einen bestimmten ihr eigenthüm- 
lichen Beruf erfüllt hat, und wenn nur zu derselben Zeit an einer 
anderen Stelle der Entwickelungsprocess vorwärts geht. 
Ebensowenig darf man, wie so häufig unbilliger Weise ge 
schiebt, verlangen, dass an ein und derselben Stelle alle ver¬ 
schiedenen Zweige oder Richtungen gleichzeitig einen unge¬ 
hemmten Fortgang nehmen, und sich über Stillstand oder Rück¬ 
schritt beklagen, wenn irgend ein bestimmter Zweig, dem man 
vielleicht gerade seine persönliche Vorliebe zugewandt hat, in
        

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