Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/329/
Das Unbewusste in der Mystik. 
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mühsames bewusstes Probiren und Induciren erquält worden, 
sondern stets durch einen genialen Blick erfasst und dann mit 
dem Verstände weiter ausgeführt worden. Dazu kommt, dass 
die Philosophie wesentlich ein Thema behandelt, welches mit dem 
Einen nur mystisch zu erfassenden Gefühle aufs Engste zu¬ 
sammenhängt, nämlich das Verhältnissdes Individuums 
zum Absoluten. Alles Bisherige betraf nur solchen Bewusst¬ 
seinsinhalt, der auch auf andere Weise entstehen kann oder 
könnte, also hier nur deshalb mystisch heisst, weil die Form 
seiner Entstehung mystisch ist, jetzt aber kommen wir zu 
einem Bewusstseinsinhalte, der in seiner Innerlichkeit nur my¬ 
stisch zu erfassen ist, der also auch als Inhalt mystisch ge¬ 
nannt werden kann; und ein Mensch, der diesen mystischen 
Inhalt produciren kann, wird ganz vorzugsweise Mystiker ge¬ 
nannt werden müssen. 
Der bewusste Gedanke kann nämlich die Einheit des 
Individuums mit dem Absoluten mit rationeller Methode begreifen, 
wie auch wir uns in unserer Untersuchung auf dem Wege zu 
diesem Ziele befinden, aber das Ich und das Absolute und ihre 
Einheit stehen ihm als drei Abstractionen da, deren Ver¬ 
bindung zum Urtheil durch die vorangehenden Beweise zwar 
wahrscheinlich gemacht wird, — jedoch ein unmittelbares 
Gefühl dieser Einheit erlangt er nicht. Der Autoritäts¬ 
glaube an eine äussere Offenbarung kann den Lehrsatz einer 
solchen Einheit gläubig nachsprechen, das lebendige Gefühl der¬ 
selben kann nicht von Aussen eingepflanzt oder aufgepfropft, es 
kann nur aus dem eigenen Geiste selbst herausgeboren werden, 
mit einem Worte, es ist weder durch Philosophie noch durch 
Offenbarung von Aussen her, sondern nur mystisch dazu zu ge¬ 
langen, wenn auch bei gleicher mystischer Anlage um so leichter, 
je vollkommenere und reinere philosophische Begriffe oder reli¬ 
giöse Vorstellungen man mitbringt. Darum ist dieses Gefühl der 
Inhalt der Mystik ymt weil er nur in ihr seine Existenz 
findet und zugleich das höchste und letzte, wenn auch, wie 
wir früher gesehen haben, keineswegs das einzige Ziel aller 
derer, die ihr Leben der Mystik geweiht haben. Ja wir können 
sogar so weit gehen, zu behaupten, dass die Erzeugung eines 
gewissen Grades von diesem mystischen Gefühl und des in dem¬ 
selben liegenden Genusses das einzige innere Ziel aller Religion 
ist, und dass es deshalb nicht unrichtig, wenn auch weniger
        

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