Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/301/
Das Unbewusste in der Entstehung der sinnlichen Wahrnehmung. 297 
Eine kindlich unmittelbare Anschauungsweise betrachtete 
die Sinneseindrücke als Bilder der Dinge, die diesen völlig ent¬ 
sprächen, wie das Spiegelbild seinem Gegenstände. Als Locke 
und die moderne Naturwissenschaft die völlige Heterogenität der 
Empfindung und der Eigenschaft des Objectes zum wissenschaft¬ 
lichen Gemeingute gemacht hatten, sollte das Retinabild, 
welches man an Augen fremder Wesen erblickte, die frü¬ 
here Stelle des Dinges vertreten, und die Empfindung 
ihrem Inhalte nach jetzt so identisch mit dem Retinabilde als 
früher mit dem Dinge sein, eine Ansicht, die noch jetzt eine 
gewöhnliche ist. Man vergass aber dabei, dass es etwas ganz 
Anderes ist, ein objectives Bild in der Grösse eines Auges 
auf einem fremden Auge mit seinen eigenen Augen wahr¬ 
zunehmen, oder selbst die nur nach Winkelgraden bestimm¬ 
bare Gesichtsempfindung ohne absolute Fläch en g rosse zu 
haben; man vergass, dass die Seele nicht als ein zweites Auge 
hinter der Retina sitzt, und sich dieses Bild beguckt, man 
bemerkte nicht, dass man denselben Fehler wie bisher mit 
den Dingen, nur in versteckterer Weise beging; denn was 
einem fremden Auge auf der Retina als Bild erscheint, ist in 
diesem Auge selbst nichts als moleculare Schwin¬ 
gung^ zustände, gerade so gut wie das, was an den Dingen 
dem Beschauer als Farbe, Helligkeit u. s. w. erscheint, in den 
Objecten nur moleculare Schwingungszustände sind. Man liess 
sich also von der Frepgde, im Auge eine Camera obscura ent¬ 
deckt zu haben, dupiren, und hielt das frühere Problem für 
gelöst, indem man es um eine äusserliche Instanz verschob. Die 
Physiologie des Auges hat seitdem begriffen, dass das Auge 
nicht eine Camera ist, um der Seele Bilderchen auf dem Grunde 
der Retina zu zeigen, sondern ein photographischer Apparat, 
der die molecularen Schwingungszustände der Retina chemisch- 
dynamisch so verändert, dass Schwingungsarten, welche mit den 
Lichtschwingungen im Aether kaum noch eine Aehnlichkeit ha¬ 
ben, dem Sehnerven zur Fortpflanzung übergeben werden, so dass 
z. B. diejenigen Modificationen des Lichts, welche als Farbe em¬ 
pfunden werden, im Nerven Combinationen verschieden starker 
Functionen dreierlei verschiedener Arten von Endorganen in der 
Netzhaut sind, während die entsprechenden Modificationen des 
physicalischen Lichtstrahls sich nur durch die Wellenlänge der 
Schwingungen unterscheiden. Ferner hat das Licht eine Ge-
        

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