Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/264/
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Abschnitt B. Capitei V. 
schaffen des Menschen gehen aus unbewussten Processen hervor 
als deren Resultate die Empfindung des Schönen und die 
Erfindung des Schönen (Conception) sich dem Bewusstsein 
darstellen. Diese Momente bilden die Ausgangspuncte der wei¬ 
teren bewussten Arbeit, welche aber in jedem Augenblicke mehr 
oder weniger der Unterstützung des Unbewussten bedarf. Der 
zu Grunde liegende unbewusste Process entzieht sich durchaus 
der Selbstbeobachtung, doch vereinigt er unzweifelhaft in jedem 
einzelnen Falle dieselben Glieder, welche eine absolut richtige 
Aesthetik in discursiver Reihenfolge als Begründung der Schön¬ 
heit geben würde Dass eine solche Umwandlung und Zerlegung 
in Begriffe und discursives Denken überhaupt möglich ist, giebt 
nämlich den Beweis dafür, dass wir es in dem unbewussten 
Processe nicht mit etwas wesentlich Fremdem zu thun haben, 
sondern dass nur die Form in diesem und dem ästhetisch wissen¬ 
schaftlichen Auflösungsproeesse sich unterscheiden wie intuitives 
und discursives Denken überhaupt, dass aber in beiden das 
Denken an sich, oder das Logische, und die Momente, aus deren 
intuitiv-logischer Verknüpfung die Schönheit resultirt, gemeinsam 
und gleich sind. Dies gilt ebenso zweifellos iür die Elementar- 
urtheile der sogenannten formalen Schönheit, als für die inhalt¬ 
liche Schönheit der in adäquater sinnlicher Erscheinung sich dar¬ 
stellenden höchsten Ideen. (Schon Leibniz nannte das Schön¬ 
finden der musikalischen Verhältnisse e'ine unbewusste Arithmetik, 
und die Schönheit der geometrischen Figuren steht in geradem 
Verhältnisse zu dem Reichthum mathematischer Ideen und logisch¬ 
analytischer Beziehungen, der bei der ästhetischen Intuition der¬ 
selben als unbewusst implicirter Anschauungsgehalt das Urtheil 
bestimmt.) Wäre der Begriff des Schönen nicht logisch auf¬ 
lösbar, wäre das Schöne nicht bloss eine besondere Er¬ 
scheinungsform des Logischen, so müssten wir allerdings 
in dem schöpferischen Unbewussten neben dem Logischen, das 
wir bisher allein thätig gefunden, noch etwas Anderes, Hetero¬ 
genes, was jeder Vermittelung mit diesem entbehrt, anerkennen. 
Aber die Geschichte der Aesthetik zeigt das Ziel dieser Wissen¬ 
schaft, die Herleitung aller und jeder Schönheit aus logischen 
Momenten (allerdings in Anwendung auf reale Data), zu unver¬ 
kennbar an, als dass man sich durch die gegenwärtige Unvoll¬ 
kommenheit dieser Versuche von dem Glauben an dieses Endziel 
abwendig machen lassen sollte. —
        

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