Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/260/
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Abschnitt B. Capitel V. 
der gemeinschaftlichen Nährflüssigkeit ausgeschieden. Jede Wim¬ 
per lagert auf verschiedenen Entfernungen vom Kiele verschiedene 
Farbstoffe ab, die sich scharf von einander abgrenzen ; die 
Entfernungen dieser Farbengrenzen vom Kiele sind auf jeder 
Wimper andere, und wodurch werden sie bestimmt? Durch den 
Zweck, in der Nebeneinanderlagerung der Wimpern geschlossene 
Figuren, Pfauenaugen zu geben, und wodurch kann dieser Zweck 
gesetzt sein? Nur durch die Schönheit der Zeichnung und 
Farbenpracht. 
Wie ungenügend erscheint vom ästhetischen Standpuncte aus 
die Darwinsche Theorie! Sie zeigt, dass unter der Voraussetzung, 
dass die Fähigkeit, Farbenzeichnungen im Gefieder zu erzeugen, 
erblich sei, der ästhetische Geschmack der Thiere bei der ge¬ 
schlechtlichen Auswahl durch überwiegende Fortpflanzung schön- 
gezeichneter Individuen die Schönheit des Gefieders generationen¬ 
weise erhöhen müsse. Unzweifelhaft! So kann sich aus dem 
Weniger ein Mehr entwickeln, aber wo kommt das Weniger her? 
Wenn nicht schon Farbenzeichnung im Gefieder vorhanden ist, 
wie soll dann eine geschlechtliche Auswahl nach der Farben¬ 
zeichnung möglich sein? Also muss doch das, was erklärt werden 
soll, schon da sein, wenn auch in geringerem Grade. Die 
Darwinsche Theorie beruht auf der Voraussetzung, dass solche 
Fähigkeit, wie hier die der Farbenzeichnungserzeugung, erblich 
sei*, die Vererbung einer Fähigkeit auf die Nachkommen setzt 
doch aber ihr Vorhandensein in den Vorfahren voraus! Und 
gesetzt, der Begriff der Vererbung wäre etwas Klares, was er 
keineswegs ist (am wenigsten, wenn man die gesonderte Ver¬ 
erbung verschiedener Eigenschaften in den verschiedenen Ge¬ 
schlechtern derselben Art berücksichtigt), so erklärt er doch in 
dem Nachkommen keineswegs die Fähigkeit selbst, sondern 
nur, wie dieses Individuum zum Besitz dieser Fähigkeit ge¬ 
langt sei; die Fähigkeit selbst bleibt auch bei Darwin die qua- 
Utas occulta, er macht gar keinen Versuch, in ihr Wesen zu 
dringen, es kommt ihm ja nur auf den Nachweis an, dass die 
Vererbung in Verbindung mit der geschlechtlichen Auswahl im 
Stande sei, eine solche in einzelnen Exemplaren vorhandene 
Fähigkeit theils intensiv zu erhöhen, theils ihr extensiv 
weitere Verbreitung zu verschaffen ; zur Erklärung ihres W e s en s 
und ihrer ersten Entstehung leistet sie gar nichts, sie kann 
z. B.nie zeigen, wie der einzelne Vogel es anfängt, die Farbenablage-
        

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