Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/233/
Das Unbewusste im Gefühl 
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sich wiederspiegelnde Gefühle und Stimmungen etwas sehr Un¬ 
verständliches und Räthselhaftes, wenn auch ihre Macht über 
das Hirnbewusstsein nicht selten sehr gross ist. Letzteres sucht 
sich dann meist andere scheinbare Ursachen seiner Gefühle auf, 
die keineswegs die richtigen sind. Je weniger sich das Hirn¬ 
bewusstsein zu einer gewissen Selbstständigkeit und Höhe em¬ 
porgerungen hat, desto mehr Macht haben die aus dem relativ 
Unbewussten quillenden Stimmungen über dasselbe, so beim weib¬ 
lichen Geschlecht mehr als beim männlichen, bei Kindern mehr 
als bei Erwachsenen, bei Kranken mehr als bei Gesunden. Am deut¬ 
lichsten treten diese Einflüsse auf bei Hypochondrie, Hysterie und bei 
wichtigen sexuellen Veränderungen, als z. B. Pubertät, Schwanger¬ 
schaft. Diese Einflüsse äussern sich auch keineswegs bloss in 
Stimmungen, d. h. in der Disposition zu heiteren oder 
traurigen Gefühlen, sondern in höheren Graden lassen sie direct 
Gefühle im Hirnbewusstsein entstehen, wie man wiederum am 
Besten an Hypoehondristen bemerkt. 
,,Man sehe jenes Kind: wie seelenfroh, wie freudiges Hüpfen, 
wie heiteres Lachen, wie leuchtendes Auge; alles Fragen nach 
der Ursache wäre vergeblich, oder die angegebenen Ursachen 
würden mit der Freude ausser allem Verhältniss stehen. Und 
plötzlich, und wieder ohne allen bewussten Grund, ist das Alles 
vorbei, das Kind ist still in sich gekehrt, trüben Auges, gräm¬ 
lichen Mundes, zum Weinen geneigt, es ist verdriesslich und 
traurig, wo es noch eben vergnügt und lustig war.“ (Cams’ 
Psyche.) Wo anders sollen diese Gefühle, deren Eigentümlich¬ 
keit nur auf unbewusste Vorstellungen zurückzuführen ist, ihren 
Ursprung nehmen, als aus vitalen Wahrnehmungen der niederen 
Nervencentra? Dass die Macht dieser Gefühle uns beim Men¬ 
schen um so grösser erscheint, je geringer die Selbstständigkeit 
des Hirnbewusstseins ist, lässt darauf schliessen, dass bei den 
Thieren die Bedeutung derselben ebenfalls um so grösser ist, je 
tiefer wir in der Thierreihe hinabsteigen, was sich auch a priori 
erwarten lässt, da hier die geistigen Genüsse und Leiden des 
menschlichen Hirnbewusstseins mehr und mehr verschwinden. 
Man wird jetzt einsehen, wie auch andere sinnliche Gefühle, 
die zum Theil durch klar bewusste Hirnwahrnehmungen bestimmt 
und begleitet sind, zum anderen Theil unklar und unfasslich 
bleiben, insofern sie durch Wahrnehmungen und Gefühle niederer 
Centra vermittelt sind; so vergleiche man z. B., wie leicht es
        

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