Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/231/
Das Unbewusste im Gefühl. 
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könne, ganz allmählich der Uebergang stattfindet durch den 
leisen Verdacht, den Zweifel und die Vermuthung, dass man 
doch wohl jenes wolle, und nicht das, was man sich einbilde, 
bis endlich zu dem offenen Selbstbetrug, wo man ganz gut weiss, 
dass man jenes wolle, aber sich und andere mit mehr oder we¬ 
niger Glück zu überreden sucht, man wolle das Gegentheil. 
Hieran schliessen sich dann die Fälle, wo nicht einmal der Ver¬ 
such zur Selbsttäuschung gemacht wird, und die Ueb erras chung, 
mit welcher die Lust auftritt, nur darin besteht, dass man sich 
sehr lange den Wunsch nicht zum Bewusstsein gebracht hat, 
also z. B. wenn ein längst todt geglaubter Freund plötzlich in 
mein Zimmer tritt; auch dann ist es ein unbewusster Wille, 
dessen Befriedigung als Freudenschreck sich darstellt, aber 
jetzt brauche ich die Existenz dieses Willens in mir nicht erst 
aus dem Eintritt der Lust zu ersehliessen, sondern kann sie 
direct aus der Erinnerung früherer Zeiten entnehmen, wo ich 
oft gewünscht habe, den verlorenen Freund noch einmal in 
meine Arme zu schliessen. 
Wir wissen aus Cap. A. IV., dass der bewusste und unbe¬ 
wusste Wille sich wesentlich dadurch unterscheiden, dass die 
Vorstellung, welche das Object des Willens bildet, im einen Falle 
bewusst, im anderen unbewusst ist. Indem wir uns diesen Satz 
zurückrufen, erkennen wir den Uebergang von der Lust oder Un¬ 
lust aus unbewusstem Willen zu denjenigen Gefühlen, welche 
dadurch etwas Unklares erhalten, dass ihre Qualität ganz oder 
theilweise durch unbewusste Vorstellungen bedingt wird. Wir 
sehen nämlich jetzt, dass das erstere nur ein specieller Fall des 
letzteren ist, indem eben in ersterem die Vorstellungen, welche 
den Inhalt des befriedigten Willens bilden, unbewusst 
bleiben, und vielleicht nur die Vorstellungen, welche die Be¬ 
friedigung herbeiführen, bewusst werden (wie z. B. bei der 
Mutterliebe); doch passt dies nicht ganz auf die Fälle, wo sofort 
durch das Eintreten der Lust oder Unlust auch das Vorhanden¬ 
sein und die Art des unbewussten Willens vom Bewusstsein er¬ 
schlossen wird, weil dieses nur zwischen zwei oder doch nur 
wenigen Arten von Willen schwanken konnte. 
Nun sind aber selten die Verhältnisse so einfach, dass das 
Gefühl in der Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines einzigen 
bestimmten Begehrens besteht, sondern die verschiedenartigsten 
Gattungen von Begehrungen durchkreuzen sich in jedem Augen- 
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