Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/216/
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Abschnitt B. Capitel IL 
bedeutendes Mehr oder Weniger an Waden und Busen mit dem 
Geschlechtsgenuss zu schaffen haben. — 
Der erste Punct enthält den Grund dafür, dass die geistig 
lind körperlich vollkommensten Individuen dem anderen Ge- 
schlechte im Allgemeinen genommen am meisten begehrens¬ 
wert erscheinen; der zweite Punct den Grund dafür, dass die¬ 
selben Wesen verschiedenen Individuen des anderen Geschlechtes 
ganz verschieden begehrenswerth und ganz verschie¬ 
dene Jedem am begehrenswerthesten erscheinen. Man 
kann beide Puncte überall auf die Probe ziehen, und wird sie 
in den kleinsten Details bestätigt finden, wenn man nur immer 
dasjenige in Abzug bringt, was nicht aus unmittelbarer 
instinctiver Geschlechtsneigung, sondern aus anderen verständigen 
oder unverständigen Rücksichten des Bewusstseins begehrt und 
gewünscht wird. Grosse Männer lieben kleine Frauen und um¬ 
gekehrt, magere dicke, stumpfnäsige langnäsige, blonde brünette, 
geistreiche einfach-naive, wohlverstanden immer nur in geschlecht¬ 
licher Beziehung, in ästhetischer finden sie meistens nicht ihren 
polaren Gegensatz schön, sondern das, was ihnen ähnlich 
ist. Auch werden sich viele grosse Weiber aus Eitelkeit sperren, 
einen kleinen Mann zu heirathen. Man sieht, dass das geschlecht¬ 
liche Wohlgefallen auf ganz anderen Voraussetzungen ruht, 
als das practische, moralische, ästhetische und gemüthliehe; da¬ 
durch erklärt sich auch die leidenschaftliche Liebe zu Individuen, 
welche der Liebende im Uebrigen nicht umhin kann, zu hassen 
und zu verachten. Freilich thut die Leidenschaft in solchen 
Fällen alles Mögliche, um das ruhige Urtheil zu verblenden 
und zu ihren Gunsten zu stimmen, darum ist es entschieden 
richtig, dass es keine geschlechtliche Liebe ohne Blindheit giebt. 
Die bei Abnahme der Leidenschaft eintretende Enttäuschung 
trägt wesentlich dazu bei, den Umschlag der Liebe in Gleich¬ 
gültigkeit oder Hass zu verstärken, wie wir sogar letzteren so 
häufig im Grunde des Herzens nicht nur bei Liebschaften, son¬ 
dern auch bei Eheleuten finden. — Die stärksten Leidenschaften 
werden bekanntlich nicht durch die schönsten Individuen erweckt, 
sondern im Gegentheil häufiger gerade durch hässliche; dies liegt 
darin, dass die stärkste Leidenschaft nur in der concentrir- 
testen Individualisirung des Geschlechtstriebes besteht, 
und diese nur durch den Zusammenstoss polar entgegen-
        

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