Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/215/
Das Unbewusste in der geschlechtlichen Liebe. 
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für ihn mit einem inneren Widerspruch gegen seinen Egois¬ 
mus behaftet, denn vom Standpuncte des Egoismus kann sich 
wohl das bewusste Denken in abstracto, aber schwerlich der 
bewusste Wille in concreto losreissen, höchstens kann er 
von der höheren Einsicht dazu gebracht werden, seine Zurück¬ 
setzung gegen Naturzwecke geduldig über sich ergehen zu 
lassen. 
Den Nachweis im Einzelnen, wie die körperlichen und gei¬ 
stigen Eigenschaften auf das Unbewusste wirken, und den unbe¬ 
wussten Willen zur Zeugung dieses bestimmten neuen Menschen 
hervorrufen, welcher aus der Begattung dieser Individuen her¬ 
vorgehen muss, hat Schopenhauer musterhaft geführt. Ich ver¬ 
weise auf das oben citirte Capitel und gebe hier der Vollstän¬ 
digkeit halber nur einen kurzen Auszug. Zwei Hauptmomente 
sind zu unterscheiden: 1) wirkt jedes Individuum um so mehr 
geschlechtlich reizend, je vollkommener es körperlich und geistig 
die Idee der Gattung repräsentirt, und je mehr es auf dem Gipfel 
der Zeugungskraft steht; 2) wirkt für jedes Individuum dasjenige 
Individuum am stärksten geschlechtlich reizend, welches seine 
Fehler durch entgegengesetzte Fehler möglichst paralysirt, also 
bei der Zeugung ein Kind verspricht, das die Idee der Gattung 
möglichst vollkommen repräsentirt. Man sieht, dass im ersten 
Puncte die körperliche und geistige Kraft, Ebenmaass, Schönheit, 
Adel und Grazie ihre Stelle findet, um auf die Entstehung ge¬ 
schlechtlicher Liebe zu wirken, aber man versteht nun, wie sie 
es anfängt, nämlich auf dem Umwege der unbewussten Zweck¬ 
vorstellung, während vorher die Möglichkeit gar nicht einzu¬ 
sehen war, wie körperliche und geistige Vorzüge mit der Ge¬ 
schlechtsliebe etwas zu schaffen haben könnten. Ebenso ist der 
Einfluss des Alters durch den Gipfel der Zeugungskraft (18—28 
Jahre beim Weibe, 24—36 beim [Manne) erklärt; als ein anderes 
Beispiel führe ich noch den gewaltigen Reiz an, den ein üppiger 
weiblicher Busen auf den Mann übt; die Vermittelung ist die 
unbewusste Zweckvorstellung der reichlichen Ernährung des 
Neugeborenen; ferner dass kräftige Muskulatur (z. B. Waden) 
eine kräftige Bildung des Kindes verspricht und dadurch reizt. 
Alle solche Kleinigkeiten werden auf das Sorgfältigste durch¬ 
gemustert, und die Leute sprechen darüber zu einander mit 
wichtiger Miene, Keiner aber überlegt sich, was denn ein un- 
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