Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/208/
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Abschnitt ß. Capitel II. 
wird. Es ist schlechterdings für gewöhnlich nicht zu erwarten, 
dass eine Braut eine andere Liebe als diese für einen Bräutigam 
haben soll, den ihre Eltern ihr Vorschlägen, oder den sie zum 
ersten Mal unter vier Augen gesprochen, als er sich erklärte, 
und für welchen sie bisher kein anderes Interesse haben konnte, 
als die Yermuthung, dass er sich für sie interessire. Wenn sie 
nun Braut ist, so strengt sie ihre Phantasie an, alles von 
Schwärmerei, was sie je in Romanen gelesen, hier auf diesen 
Einen in Nutzanwendung zu bringen, schwört ihm Liebe, glaubt 
es bald selbst, indem sie sich daran gewöhnt hat, mit ihrem aufgereg¬ 
ten generellen Geschlechtstrieb stets sein Bild zu verknüpfen, und 
folgt später ihrer Pflicht und ihrer Neigung zugleich, wenn sie 
diesem Manne, dem Vater ihrer Kinder, treu bleibt, für den sie 
Achtung und Freundschaft gefasst, und an den sie sich gewöhnt 
hat. Bei Lichte besehen , geben aber alle diese Ingredienzien, 
als: genereller Geschlechtstrieb, Phantasie, Achtung, Freund¬ 
schaft, Pflichttreue u. s. w., soviel man sie auch mengt und 
schüttelt, immer noch keinen Funken von dem, was einzig und 
allein mit dem Namen Liebe bezeichnet werden kann und soll; 
und was an ihnen dennoch als solche erscheint, das ist meistens 
eine Täuschung anderer und bald auch ihrer selbst, da sie doch 
nach ihrem gegebenen Jawort schicklicherweise auch ein Herz 
voll Liebe verschenken müssen, und sie sich übrigens bei den 
bräutlichen Schäferstündchen ganz gut amüsiren. Der Bräutigam 
glaubt dem Betrüge so gern, als die Braut ihn übt, denn was 
glaubte der Mensch nicht, wenn es nur stark genug seiner 
Eitelkeit schmeichelt. Nach der Hochzeit, wo beide Theile 
andere Dinge zu besorgen haben, hört die Comödie so wie so 
bald genug auf, mag sie nun im Ernste oder im Scherz gespielt 
sein. Das Wesentliche von der Sache ist, dass die bewusste 
Erkenntniss geistiger Eigenschaften immer und ewig nur be¬ 
wusste geistige Beziehungen, Achtung und Freundschaft zu 
Stande bringen können, und dass Freundschaft und Liebe himmel¬ 
weit verschiedene Dinge sind. Die Freundschaft kann auch 
keine Liebe erwecken, denn wenn z. B. bei einer Freundschaft 
zwischen zwei jungen Leuten verschiedenen Geschlechts sich 
leicht ein wenig Liebe einschleicht, so ist dies nur ein Freiwerden 
des generellen Geschlechtstriebes in einer durch Vertraulichkeiten 
erleichterten Richtung, oder aber sie hätten sich auch ohne die 
Freundschaft in einander verliebt, und diese schlummernde
        

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