Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/193/
Der Instinct im menschlichen Geist. 
189 
Band, welches die Grenze des Individuums für das Gefühl über¬ 
springt, es ist der bedeutungsvollste Trieb für die Erzeugung 
solcher Handlungen, welche das Bewusstsein für sittlich gute 
oder schöne, für mehr als bloss pflichtmässige erklärt ; es ist das 
Hauptmoment, welches demjenigen Gebiet der Ethik, welches 
man als das der Liebespflichten bezeichnet, eine Wirklichkeit 
verleiht, von der erst nachmals der Begriff abstrahirt wurde. 
Wie das Mitgefühl der Hauptinstinct zur Erzeugung wohl- 
thätiger, in ihren Wirkungen über die Sphäre des Egoismus über¬ 
greifender Handlungen ist, so erscheint der Instinct der Dank¬ 
barkeit als Multiplicat or derselben. Wenn auch die Dankbar¬ 
keit mitunter zu Verletzungen einer dritten Person verführt, so 
sind dies doch die selteneren Fälle, und die Zweckmässigkeit 
dieses Instinctes im Ganzen ist nicht zu verkennen, wenn er 
auch an einer bereits vollendeten Sittenlehre sein Correctiv, ja 
sogar seinen Ersatz findet. Wie der Vergeltungstrieb in Bezug 
auf Wohlthaten Multiplicator des sittlich schönen Handelns wird, 
so wird er in Bezug auf Verletzungen als Racheinstinct der erste 
Begründer eines Rechtsgefühls. Denn so lange das Gemeinwesen 
es nicht übernommen hat, die Rachsucht der Einzelnen zu befrie¬ 
digen, wird die Rache durch Selbsthülfe mit Recht als etwas 
Heiliges, als primitive Rechtsinstitution angesehen, und sie ist 
es, welche allmählich erst das Rechtsgefühl so weit bilden, stei¬ 
gern und klären muss, dass die Rechtsauffassung in der National¬ 
sitte einen festen Boden gewinnt, von wo an erst die Uebertra- 
gung der Vergeltung an das Gemeinwesen erfolgen kann. Es 
soll hiermit keinesweges behauptet werden, als seien Mitgefühl 
und Vergeltungstrieb diejenigen Momente, aus welchen Sittenlehre 
und Rechtslehre theoretisch abgeleitet und begründet werden 
müssen, was ich im Gegentheil nicht zugeben würde; nur das 
ist behauptet, dass sie practisch in der That die Wurzeln sind, 
aus welchen diejenigen Gefühle und Handlungen hervorsprossen, 
von welchen die Menschen zunächst die Begriffe des sittlich 
Schönen und des Rechts durch Abstraction gewinnen. 
Der nächste wichtige Instinct des Menschen ist die Mutter¬ 
liebe. Blicken wir des Vergleiches halber noch einmal auf das 
Thierreich zurück. — Die meisten niederen Thiere haben nicht 
nöthig, sich um ihre Jungen zu kümmern, weil diese schon 
genügend entwickelt aus dem Ei hervorgehen, oder aber weil 
erstere durch schon erwähnte verschiedenartige Instincte die Eier
        

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