Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/174/
170 
Abschnitt A. Capitel VIII. 
würde. Dieser Art sind aber die meisten Fälle, wo behauptet 
wird, dass Organismen unzweckmässig eingerichtet seien; es 
reducirt sich darauf, dass ihnen Einrichtungen fehlen, welche für 
gewisse Fälle zweckmässig sein würden, in den meisten 
anderen Fällen oder Beziehungen aber unzweckmässig. Eine 
andere Art von Vorwürfen der ünzweckmässigkeit wird durch 
die Constanz der morphologischen Grundtypen möglich, ’welche 
ein durchgehendes Naturgesetz bildet, und die Einheit aller orga¬ 
nischen Formen, die Einheit des ganzen Schöpfungsplanes nur in 
um so helleres Licht setzt. Es ist die lex parsimoniae, welche 
sich auch im Erfinden der organischen Formen bewahrheitet, in¬ 
dem es der Natur leichter fällt, hier und da unschädliches Ueber- 
flüssiges stehen zu lassen, als immer wieder Veränderungen vor- 
zunebmen und neue Ideen durchzuführen; sie bleibt vielmehr bei 
der möglichsten Einheit der Idee stehen, und nimmt an dieser 
gerade nur so viel Aenderungen vor, als unumgänglich nothwen- 
dig sind. Von dieser Art sind die rudimentären Zitzen bei männ¬ 
lichen Säugethieren, die Augen des Blindmolls, die Schwanzwirbel 
bei schwanzlosen Thieren, die Schwimmblase bei Fischen, die 
immer auf dem Grunde leben, die Gliedmaassen der Fledermäuse 
und Cetaceen u. dgl. m. 
Endlich ist zu bemerken, dass wir bei dem zweckmässigen 
Wirken des Bildungstriebes ebenso wie bei dem des Instinctes 
ein Hellsehen des Unbewussten anerkennen müssen, da alle 
Organe früher im Fötusleben entwickelt werden, als sie in Ge¬ 
brauch treten, und oft sogar sehr bedeutend früher (z. B. Ge¬ 
schlechtsorgane). Das Kind hat Lungen, ehe es athrnet, Augen, 
ehe es sieht, und kann doch auf keine Weise anders als durch 
Hellsehen von den zukünftigen Zuständen Kenntniss haben, 
während es die Organe bildet; aber ein Grund gegen die Bil- 
dungsthätigkeit der individuellen Seele kann dies nicht sein, da 
es um nichts wunderbarer ist, als das Hellsehen des Instinctes. 
Gehen wir nunmehr dazu über, den stetigen und allmählichen 
Anschluss des organischen Bildens an die Leistungen des In¬ 
stinctes zu betrachten. — Die Nester, den Bau und die Höhlen, 
welche sich die Thiere bauen und graben, betrachtet noch Jeder 
als Wirkungen des Instinctes. Der Pfahlwurm bohrt sich mit 
seiner Schale in Holz, die Bohrmuschel in weichen Felsen eine 
Höhle; der Sandwurm bohrt sich in den Sand und klebt diesen 
mittelst des an seiner Hautfläche ausgeschiedenen Saftes zu einer
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.