Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/159/
1. Der Einfluss des bewussten Willens auf organische Functionen. 155 
junge Fleisch ohne alle Nerven höchst empfindlich und eine 
Entzündung der nervenlosen Knorpel und Sehnen ist sogar viel 
schmerzhafter, als eine Entzündung der Nerven selbst; endlich 
zeigen auch Beispiele der embryonischen Missbildungen, dass 
Theile ohne Mitwirkung der dazu hinführenden Nerven gebildet 
werden können, z. B. Schädelknochen ohne Gehirn, Rückenmarks¬ 
nerven ohne Rückenmark. 
b. Willensströme in sensiblen Nerven. 
Eine Art von Innervationsstrom haben wir schon früher als 
Reflexwirkung der Aufmerksamkeit kennen gelernt. Diese kann 
aber eben so gut willkürlich hervorgerufen, resp. verstärkt wer¬ 
den. Eine gespannt auf die genitale Sphäre gerichtete Aufmerk¬ 
samkeit kann die grösste geschlechtliche Aufregung zur Folge 
haben, und Hypochondristen fühlen bisweilen Schmerzen in jedem 
Körpertheil, auf den sie ihre Aufmerksamkeit richten. Nicht 
selten soll es Vorkommen, dass zu Operirende den Schmerz des 
Stiches zu fühlen glauben, noch ehe das Instrument des Opera¬ 
teurs sie wirklich berührt hat. Wenn man bei geschlossenen Augen 
den Finger langsam zur Nasenspitze führt, und vor der Berüh¬ 
rung sehr allmählich nähert, so fühlt man in der Nasenspitze die 
Berührung als deutlich wahrnehmbares Kribbeln im Voraus; wenn 
ich die Aufmerksamkeit angestrengt auf meine Fingerspitzen 
richte, so spüre ich dieselben deutlich, ebenfalls als eine Art 
von Kribbeln. In allen diesen Fällen bewirkt offenbar die Ge- 
hirnvorstellung von der zu erwartenden Empfindung, verbunden 
mit der auf diese Nerven gerichteten Aufmerksamkeit, einen 
peripherischen Strom, der von der Peripherie zum Centrum als 
Empfindungsstrom zurückkehrt, sei es nun, dass, wie in den 
ersten Beispielen, die Empfindung wesentlich erst durch den 
centrifugalen Strom erzeugt wird, sei es, dass derselbe, wie bei 
dem letzten Beispiel, nur die stets vorhandenen, für gewöhnlich 
aber unmerklich schwachen Reize verstärkt. Der erste Fall findet 
auch bei jeder sinnlichen Vorstellung ohne Sinneseindruck statt; 
die Lebhaftigkeit der Vorstellung hängt von der Stärke des 
peripherischen Nervenstromes ab, und diese theils von dem In¬ 
teresse (Willensbetheiligung) an der Vorstellung, theils von in¬ 
dividueller Anlage. Es giebt Personen, welche durch willkürliche 
Anstrengung sich Gesichtsbilder, z. B. eines Freundes, fast bis 
zur Deutlichkeit einer Vision hervorruten können. Bei anderen
        

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