Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/155/
1. Der Einfluss des bewussten Willens auf organische Functionen. 151 
hältnissmässig weniger, vom grossen Gehirn kommender Fasern 
veranlasst werden, so dass der erste Bewegungsimpuls sieh auf 
die centralen Endigungen dieser Fasern im grossen Gehirn be¬ 
ziehen muss. Es kann wohl sein, dass mehrere solcher Reflex¬ 
wirkungen in verschiedenen mehr und mehr vom Gehirn entfernten 
Nervencentris eintreten, ehe eine complicirte Bewegung ausge¬ 
führt wird, dass z. B. beim Gehen zuerst einige wenige Fasern 
den Impuls vom grossen Gehirn, wo der bewusste Wille, zu 
gehen, entsteht, an das kleine Gehirn überbringen, welches 
Organ die Coordination der grösseren Bewegungsgruppen leiten 
soll, dass dann von hier eine grössere Anzahl Fasern die Im¬ 
pulse an verschiedene Centra des Rückenmarkes übertragen, 
und zuletzt an die Stellen, wo die Schenkelnerven sich einsetzen. 
Bei einem jeden solchen Reflexe spricht das unbewusste Wollen 
und Vorstellen im specifischen Bewegungsinstinct des betreffenden 
Centrums mit, und so wird es erklärlich, wie so complicirte 
Bewegungen ohne irgend welche geistige Anstrengung zweck¬ 
mässig und ordnungsmässig verlaufen. In jedem Centrum wird 
der Impuls als Reiz empfanden und in einen neuen Impuls um¬ 
gesetzt, so dass wir im strengsten Sinne erst vom letzten 
Centrum an vom motorischen Innervationsstrom sprechen dürfen 
Es fyagt sich nun, wie der Wille im Stande ist, den Inner¬ 
vationsstrom zu erzeugen. Wir können uns dabei nur an die 
Analogien der verwandten physikalisch bekannteren Ströme und 
an die apriorische Vermuthung halten, dass der ganze Apparat 
des motorischen Nervensystems doch wohl zu dem Zweck in den 
Organismus eingeschaltet sein müsse, dass dem Willen dadurch 
ermöglicht werde, die nöthigen mechanischen Leistungen durch 
die möglichst kleinste mechanische Kraftanstrengung hervorzu¬ 
bringen, mit anderen Worten, dass das motorische Nervensystem 
eine Kraftmaschine sei, wie die Winde, oder in passenderem 
Vergleich, wie das mauerzertrümmernde Geschütz, welches der 
Mensch nur abzufeuern braucht. Mechanische Bewegung ohne 
mechanische Kraft hervorzubringen, das ist unmöglich, aber die 
die Bewegung einleitende Kraft kann auf ein Minimum reducirt 
werden, und der übrige Theil der Leistung Kräften übertragen 
werden, welche vorher zum Gebrauche aufgespeichert sind. Dies 
ist beim Geschütz die chemische Kraft des Pulvers, beim Thier 
die der eingenommenen Nahrungsmittel, welche daher auch zu 
den Leistungen der Muskelkraft im Verhältnis stehen müssen,
        

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