Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/124/
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Abschnitt A. Capitel Vt 
spräche denkt, und sein Bewusstsein sich nur mit dem Inhalt 
der Rede, aber nicht mit deren formeller Verwirklichung be¬ 
schäftigt; sowie er aber an die Aussprache denkt und durch 
den bewussten Willen diesen oder jenen Laut erzwingen will, 
so bleibt der Erfolg aus, und statt dessen stellen sich allerlei 
Mitbewegungen ein, die bis zum Krampfhaften gehen können. 
Ganz ähnlich ist es mit dem Schreibkrampf und allen oben auf¬ 
geführten körperlichen Uebungen, bei denen die Hauptsache ist, 
dass sie einem erst zur Natur werden, d. h. dass der bewusste 
Wille sich nicht mehr um die Details zu bekümmern braucht. 
Durch diese Auffassungsweise wird auch erst die Erscheinung 
verständlich, dass oft ein einmaliger Impuls des bewussten Wil¬ 
lens genügt, um eine lange Reihe periodisch wiederkehrender 
Bewegungen herbeizuführen, die so lange fortdauert, bis sie 
durch einen neuen Willensimpuls unterbrochen wird. Ohne diese 
Einrichtung würden alle unsere gewöhnlichen Thätigkeiten, wie 
Gehen. Lesen, Spielen, Sprechen etc. eine Menge von Willens¬ 
impulsen des Gehirns absorbiren, welche sehr bald Ermüdung 
zur Folge haben müssten. Sie beweist aber auch die Selbst¬ 
ständigkeit der niederen Nervencentra und widerlegt aufs Ent¬ 
schiedenste obige Annahme einer directen Anastomose der Ner 
ven. Es dürfte jetzt auch verständlich sein, wie es zugeht, dass 
so viele Thätigkeiten und Beschäftigungen, deren kleinste De¬ 
tails wir beim Erlernen derselben mit Bewusstseiu vollziehen 
müssen, später nach erlangter Uebung und Gewohnheit sich 
ganz unbewusst vollziehen, wie Stricken, Clavierspielen, Lesen, 
Schreiben u. s. w. Es ist dann eben die ganze Arbeit, die beim 
Erlernen vom Gehirn vollzogen werden musste, auf untergeord¬ 
nete Nervencentra übertragen worden; denn diese können sich 
eine gewohnheitsmässige Combination gewisser Thätigkeiten so 
gut einüben, wie sich das Gehirn im Denken übt, oder etwas 
auswendig lernt. Dass aber alsdann die Thätigkeiten grossen- 
theils für das Hirn unbewusst werden, das verleiht ihnen für 
das Hirn eine gewisse Aehnlichkeit mit Instincthandlungen, 
während doch für das der Thätigkeit vorstehende Nervencentrum 
die Uebung und Gewohnheit das gerade Gegentheil des In- 
stinctes ist. 
Dass die bis jetzt betrachteten Erscheinungen alle einen we¬ 
sentlich gleichen Kern zu Grunde liegen haben, dürfte wohl nicht 
schwer sein, einzusehen. Wir gingen von den durch Reizung
        

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