Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/120/
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Abschnitt A. Capitel V. 
Eine der wichtigsten Reflexwirkungen des grossen Gehirns, 
namentlich auf Sinnes Wahrnehmungen, ist derjenige centrifugate 
Innervationsstrom, welchen wir Aufmerksamkeit nennen, und 
welcher alle einigermaassen deutliche Wahrnehmungen erst er¬ 
möglicht. Derselbe entsteht als Reflexwirkung auf einen Reiz, 
welcher die sensiblen Nerven der Sinnesorgane trifft. Wenn 
das Gehirn anderweitig zu sehr in Anspruch genommen ist, um 
auf solche Reize zu reagiren, so bleibt diese Wirkung aus, und 
alsdann ist uns der Sinneseindruck entgangen, ohne zur Wahr¬ 
nehmung zu werden. Dieser Innervationsstrom kann auf einzelne 
Theile einer Sinneswahrnehmung (z. B. einen beliebigen Theil 
des Gesichtsfeldes oder ein Instrument im Orchester) gerichtet 
werden, wodurch sich erklärt, dass man oft gerade nur das 
sieht und hört, was ein besonderes Interesse für den gegenwär¬ 
tigen Zustand des Gehirns hat, womit auch manche Erschei¬ 
nungen des Nachtwandeins Zusammenhängen. Das partielle Feh¬ 
len dieses Innervationsstroms ist es auch, was den sonst uner¬ 
klärlichen Unterschied zwischen fehlenden und schwarzen 
Stellen des Sehfeldes begreiflich macht. Auch willkürlich kann 
man diesen Innervationsstrom auf gewisse Körpertheile richten 
und dadurch die für gewöhnlich nicht bemerkten Empfindungen, 
welche alle Körpertheile fortwährend erzeugen, als Wahrneh¬ 
mungen zum Bewusstsein bringen ; z. B. ich kann meine Finger¬ 
spitzen fühlen, wenn ich auf sie lebhaft achte ; (man denke fer¬ 
ner an Hypochondrische). Eine Grenze zwischen solchen Inner¬ 
vationsströmen, die durch bewusste Willkür erzeugt sind, und 
solchen, die als Reflexwirkung auf Sinneseindrücke mit einseitig 
vorwiegendem Interesse der Gehirnstimmung erfolgen, lässt sich 
hier so wenig wie in irgend einem anderen Gebiete dieser Er¬ 
scheinungen auffinden und fixiren. Sehr merkwürdig sind 
manche durch das Auge und den Tastsinn vermittelte Reflexbe¬ 
wegungen. Das Auge schützt nicht nur sich selbst reflectiv vor 
Verletzungen, welche es herannahen sieht, durch Schliessen, 
Ausbiegen des Kopfes und des Körpers, oder Vorhalten des Ar¬ 
mes, sondern es schützt auch andere bedrohte Körpertheile auf 
dieselbe Weise, ja sogar andere Dinge; z. B. wenn ein Glas von 
dem Tisch herunterfällt, vor dem man sitzt, so ist das plötzliche 
Zugreifen gerade so gut Reflexbewegung, wie das Ausbiegen des 
Kopfes vor einem heranfliegenden Stein, oder das Pariren der 
Hiebe beim Fechten; denn im einen wie im anderen Falle würde
        

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