Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/119/
Das Unbewusste in den Reflezwirkungen 
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Absonderung von Speichel und Hin- und Herbewegen des 
schmeckenden Stoffes im Munde , beim Kiecken Erweiterung der 
Nasenlöcher und kurze, rasche Inspirationen, beim Hören Span¬ 
nung des Trommelfelles und Bewegungen der Ohren und des 
Kopfes, beim Sehen Stellung beider Augencentra nach der Stelle 
des grössten Keizes, Accommodation der Linse zur Entfernung 
und der Iris zur Lichtstärke. Alle diese Bewegungen können 
auch willkürlich ansgeführt werden, aber nur durch die Vor¬ 
stellung des veränderten Sinneseindruckes; nur schwer oder gar 
nicht durch directe Vorstellung der Bewegungen. Z. B. hält der 
untersuchende Augenarzt dem Patienten den Finger dahin, wo¬ 
hin er sehen soll, denn wenn er ihn das Auge nach rechts oben 
wenden heisst, so entstehen häufig die verschrobensten Bewe¬ 
gungen in den Augen und Lidern, nur die verlangte nicht. An 
diesen Reflexbewegungen nimmt bei gesteigerter Lebhaftigkeit 
nicht selten der Kopf, die Arme und der ganze Körper unwill¬ 
kürlich Antheil. Ferner werden durch das Ohr Bewegungen 
in den Sprachwerkzeugen reflectirt, denn bekanntlich beruht alles 
Sprechenlernen der Kinder und Thiere darauf', dass ein unwill¬ 
kürlicher Trieb sie nöthigt, das Gehörte zu reproduciren ; das¬ 
selbe findet statt bei Melodien, wo es sich leichter auch bei Er¬ 
wachsenen beobachtet; ohne diesen Reflex wäre es unmöglich 
Vögel zum Pfeifen von Melodien abzurichten Die reflectorische 
Nöthigung zum Aussprechen der gehörten Worte kann man 
aber auch an sich selbst beim Denken beobachten. Hier ruft 
nämlich, ähnlich wie in erhöhtem Grade bei Entstehung der 
Traumbilder und Hallucinationen, zunächst der noch nicht sinn¬ 
liche Gedanke des Worts einen centrifugalen Innervationsstrom 
nach dem Hörnerven hervor , als dessen reflectorische Folge ein 
centripetaler Strom die Gehörsempfindung des Wortes zurück¬ 
bringt, und diese ruft in den Sprachwerkzeugen die Reflexbe¬ 
wegungen des lauten oder leisen Aussprechens hervor. Der na¬ 
türliche Mensch, z. B. der ungebildete oder leidenschaftlich er¬ 
regte, denkt laut, es gehört schon der Zwang der Bildung dazu, 
leise zu denken, und selbst hier wird man sich fast immer, wenn 
man darauf achtet, über einem Muskelgefühl in den Sprachwerk¬ 
zeugen ertappen, welches in schwächerem Grade dasselbe ist, 
welches durch das Aussprechen der Worte entstehen würde, das 
also offenbar den Ansatz zu jener Thätigkeit enthält. Beim 
Lesen ist es ganz ähnlich. 
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