Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/105/
Das Unbewusste im Instinct. 
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empirische Thatsache da, und man könnte einwenden : „dann bleibe 
ich lieber gleich beim Instinct als einer unverständlichen Thatsache 
stehen.“ Dem steht aber entgegen, erstens, dass wir das Hellsehen 
auch ausserhalb des Instincts finden (namentlich beim Menschen), 
zweitens, dass bei Weitem nicht bei allen Instincten ein Hellsehen 
vorzukommen braucht, dass also Instinct und Hellsehen schon 
empirisch als zwei getrennte Thatsachen gegeben sind, von denen 
wohl das Hellsehen zur Erklärung des Instincts beitragen kann, 
aber nicht umgekehrt, und drittens endlich, dass das Hellsehen 
des Individuums nicht als eine so unverständliche Thatsache stehen 
bleiben wird, sondern im späteren Verlauf der Untersuchung sehr 
wohl seine Erklärung finden wird, während man auf das Ver¬ 
ständnis des Instincts auf jede andere Weise verzichten müsste. 
Nur die hier ausgeführte Auffassung macht es möglich, den 
Instinct als den innersten Kern jedes Wesens zu begreifen; dass 
er dies in der That ist, zeigt schon der Trieb der Selbsterhaltung 
und Gattungserhaltung, der durch die ganze Schöpfung durch¬ 
geht, zeigt der heroische Opfermuth, mit welchem das individuelle 
Wohl, ja selbst das Leben, dem Instinct zum Opfer gebracht 
wird. Man denke an die Raupe, die immer wieder ihr Gespinnst 
ausbessert, bis sie der Entkräftung erliegt, an den Vogel, der vor 
Erschöpfung durch Eierlegen stirbt, an die Unruhe und Trauer 
aller Wanderthiere, die man am Wandern verhindert. Ein ge¬ 
fangener Kukuk stirbt jedesmal im Winter an der Verzweiflung, 
nicht fortziehen zu können; die Weinbergsschnecke, der man den 
Winterschlaf versagt, ebenso; das schwächste Mutter-Thier nimmt 
den Kampf mit dem überlegensten Gegner auf und erleidet freudig 
für seine Jungen den Tod; ein unglücklich liebender Mensch wird 
wahnsinnig oder greift zum Selbstmord, wie jedes Jahr mit 
einigen Fällen von Neuem bestätigt; eine Frau, die den Kaiser¬ 
schnitt einmal glücklich überstanden hatte, liess sich durch die 
sichere Aussicht auf Wiederholung dieser furchtbaren, meist tödt- 
lichen Operation so wenig von der ferneren Begattung abhalten, 
dass sie dieselbe Operation noch dreimal durchmachte. Und eine 
so dämonische Gewalt sollte durch etwas ausgeübt werden können, 
was als ein dem inneren Wesen fremder Mechanismus dem Geiste 
aufgepfropft ist, oder gar durch eine bewusste Ueberlegung, welche 
doch stets nur im kahlen Egoismus stecken bleibt, und solcher 
Opfer für die Gattung gar nicht fähig ist, wie sie der Fort- 
pflanzungs- und Mutterinstinct darbietet!
        

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