Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Clavierstimmens sowie Erfahrungen und Ansichten bezüglich Clavierhandel und Clavierbau
Person:
Kuhn-Kelly, J.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39778/6/
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clien den grösseren Felder, indem sie aus Sparsamkeitsritck- 
sichten so lange warten, bis das Instrument wegen gar zu 
miserabler Stimmung geradezu unbrauchbar geworden ist. 
Damit zäumen sie eigentlich den „Esel beim Schwänze auf“ 
und fügen sich selbst mehr Schaden zu, als sie vermeinen. 
Dafür aber will der Stimmer begreiflich nicht als Sünden¬ 
bock herhalten und hat hierin ganz recht. 
Lasset öfter stimmen und ihr werdet nicht nur 
bessere Instrumente, sondern auch — bessere Stimmer 
haben. Auch das feinste Clavier wird, wenn es sehr ver¬ 
stimmt gewesen, mit einer einmaligen Stimmung diese 
nicht halten, wovon sich der Spielende überzeugen mag, 
sowie der Stimmer der Thüre den Rücken gekehrt hat. 
Wundere man sich nun, wenn über ihn geklagt wird! Die 
Pianos sind in dem Punkte recht eigensinnig und revan- 
chiren sich nach dem alten Sprichwort: „Wurst wider 
Wurst“ für die Saumseligkeit, mit der sie behandelt wor¬ 
den sind. 
Hat der Stimmer also, um wieder zurückzukommen, 
das Instrument untersucht, so stimmt er zunächst in der 
Mittellage circa 11/2 Octaven möglichst rein, er macht, wie 
man sagt, die „Temperatur“, wobei nach verschiedenen 
Systemen verfahren werden kann, auf deren Beschreibung 
wir hier nicht eintreten wollen. Auf die Methode kommt 
es weniger an, als auf das Gelingen. Es führen auch hier 
einige Wege nach Rom. Die Hauptsache dabei ist, dass 
sämmtliclie Akkorde im Tempcraturumfange ungefähr gleich 
rein und gleich unrein klingen. Kein Ton darf „hervor- 
steehen“ und die Ausgleichung muss möglichst exakt 
durchgeführt sein. Diese Arbeit ist nun, wie bereits er¬ 
wähnt, ganz und gar nicht so leicht und einfach, wie Un¬ 
kundige etwa glauben möchten, wenn sie zuschauen. Das 
darf füglich noch einmal gesagt werden. Sie erfordert un¬ 
geteilte Aufmerksamkeit, ein völliges Sichhingeben; man 
kann dabei nicht plaudern oder an irgend etw'as denken, 
was abseits davon liegt. Die ganze Gehirntliätigkeit ist 
nur auf das scharfe Hören und Unterscheiden con- 
zentrirt und wenn Einer tausend Temperaturen gemacht 
hat, so ist ihm keine genau gelungen, wie die andere. 
Dabei stösst er auf mancherlei Verdriesslichkeiten, bei denen
        

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