Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Clavierstimmens sowie Erfahrungen und Ansichten bezüglich Clavierhandel und Clavierbau
Person:
Kuhn-Kelly, J.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39778/16/
16 
die nicht uninteressante Beobachtung gemacht haben, dass 
unter den Fachmännern selbst über die nämlichen, nicht 
unwichtigen Punkte verschiedene, sogar diametral entgegen¬ 
gesetzte Ansichten vorzukommen pflegen, eine Erscheinung, 
die uns geradezu überraschte und die wir nur dadurch zu 
erklären suchen, dass manchem Clavierfabrikanten die Ge¬ 
legenheit, Erzeugnisse recht vieler anderer Meister gründ¬ 
lich zu untersuchen und zu studieren, nicht hinreichend 
geboten ist, und er daher vorzugsweise auf sein eigenes 
Denken angewiesen ist. Da aber auch nicht Alle über 
grosse Dosen Genialität und Erfindungsgeist verfügen, so 
kann es begreiflicherweise leicht Vorkommen, dass Einer, in 
der Meinung, das wirklich Gute, Vorzügliche, ja Beste ge¬ 
funden zu haben, jahrelang so fabrizirt, bis er gelegentlich 
darauf stösst, dass ein Anderer in dem und jenem mehr 
oder weniger wichtigen Punkte es doch noch besser ge¬ 
macht hat. 
Hierin befindet sich der Händler, dem die Erzeugnisse 
vieler Fabrikanten und mancher Länder durch die Hände 
gehen, in einer weit günstigeren Situation, und was ihm bei 
der Vergleichung vorzugsweise gut zu statten kommt, ist 
der wichtige Umstand, dass er die Instrumente in seinem 
Magazine direct neben einander hat. Dies ist ein nicht zu 
unterschätzendes Moment. 
Es ist bekanntlich sehr trügerisch, mehrere Pianos, 
die nicht in der nämlichen Localität stehen, namentlich was 
Schönheit und Fülle des Tones anbelangt, einer Prüfung zu 
unterstellen und zu beurtheilen. Wir können sie recht schön 
finden und die Wahl kann uns schwer werden. Stellen wir 
sie aber in’s gleiche Local nebeneinander, so kann die 
Ueberlegenheit des einen Instrumentes über das andere so¬ 
fort zu Tage treten. Unter Umständen sind sogar dann 
noch viele Proben erforderlich, bis die Sicherheit im Ur- 
theile erlangt ist. Es nöthigt uns daher immer ein mitlei¬ 
diges Lächeln ab, wenn Käufer, in der Absicht, das zu 
wählende Instrument so lange in den Schatten zu stellen 
suchen, bis sie es gekauft haben, indem sie uns vorrühmen, 
ja der und dieser Bekannte, jener „Tausendkünstler“ etc. 
habe da oder dort ein „ganz ausgezeichnetes“ Piano 
gekauft und das — billiger als dieses sei! „Bringen Sie
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.