Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Kunst des Clavierstimmens sowie Erfahrungen und Ansichten bezüglich Clavierhandel und Clavierbau
Person:
Kuhn-Kelly, J.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39778/12/
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Handel treiben, was für den gewissenlosen Fabrikanten 
äusserst bequem ist; der gewissenhafte aber muss ein Ge¬ 
fühl der Nichtbefriedigung dabei empfinden. Der Eine liefert 
seine Produkte, wie er sie gerade hat und zu Wege bringt; 
es kommt ihm nicht darauf an, ob die letzte Feile überall 
ihre Pflicht erfüllt habe, wenn er nur das Geschäft gemacht 
hat. Am Ende bürdet er die ganze Verantwortlichkeit 
seinem Abnehmer auf, indem er „nach Uebereinkunft“ 
nur dessen Firma anbringt oder, was noch besser ist, man 
überlässt das „Kindlein“ ohne Taufschein seinem Schick¬ 
sale. Der Fabrikant nimmt den ersten Gewinn, den zweiten 
nebst „Ehre“ und „Ruhm“ gönnt er grossmüthig seinem 
„ Geschäftsfreunde.“ 
Der Andere hingegen ist bemüht, seine Pianos nur 
vollendet schön, fein egalisirt, bis in die kleinsten Details 
sauber fertig gemacht, abzuliefern und hat dabei das unan¬ 
genehme Gefühl, dass solche Händler dies nicht bei weitem 
richtig zu würdigen verstehen und unter Umständen die viel 
schlechtem, aber pompös, wenn auch pfuschermässig aus¬ 
gestatteten Instrumente mit „brillantem“ Ton, der bis in 
zwei Jahren zu einem ohrenzerreissenden“ avanciren 
kann, vor den vorzüglichen, aber weniger bestechlichen an- 
preiseu — und auch glücklich absetzten, wobei ihnen nicht 
selten „wohlwollende, feine Kenner“ für eine „be¬ 
scheidene“ Provision helfend zur Seite stehen. 
Sie ziehen das „gute Geschäft“ dem dauernden Kufe 
vor, weil sie diesen abzuwarten weder Sinn, Geduld noch 
die finanziellen Mittel haben. 
Dieser Umstand ist für das solide Geschäft und den 
Ruf eines so bedeutenden Industrie-Erzeugnisses, wie das 
Clavier es geworden ist, geradezu bedenklich, da er dem 
Pfuscher den Weg zu „Erfolgen“ ebnet, gleichzeitig dem 
wahren Verdienste den Weg dazu mehr oder weniger ver- 
schliesst; denn, wenn der Vermittler zwischen Fabrikant 
und Käufer, der Händler, sei er Schulmeister, Musiker, Gant- 
lokalinhaber, Trödler, Möbelhändler u. dgl., den Handels¬ 
artikel nicht von Grund aus versteht, in erster Linie dem 
Gewinne nachjagt und zudem über ein gutes Mundstück und 
ein weites Gewissen verfügt, so ist der solide Fabrikant, dem 
es nicht möglich ist, zu Spottpreisen zu fabriziren, ganz
        

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