Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Beziehungen der Gemütsbewegungen und Gefühle zu Störungen der Sprache
Person:
Gutzmann, Hermann
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39776/4/
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Hermann Gutzmann. 
I. 
Versuch, einer Synopsis der Sprachstörungen1). 
Kuß maul umfaßte bei der Aufstellung seiner Lehre von den 
Sprachstörungen den Begriff „Sprache“ mit Recht im weitesten 
Sinne des Wortes, wie vor ihm auch Finklenburg. „Sprache“, 
ganz allgemein gefaßt, heißt eben jede beabsichtigte oder un¬ 
beabsichtigte Äußerung innerer Zustände eines lebenden 
Wesens durch Ausdrucksbewegungen oder Zeichen. Wenn 
H. Liepmann gegen diese auch von mir vertretene Auffassung 
einwendet, daß sie alt sei und auf den veralteten Begriff der 
„Facultas signatrix“ zurückführe, so darf man wohl dagegen sagen, 
daß nicht alles Alte falsch oder schlecht ist. 
Ich unterscheide — man vergleiche unter den älteren Autoren 
Kußmauls Schrift, unter neueren Wundts Ausführungen — drei 
Arten von Sprache: Gebärdensprache, Tonsprache und artikulierte 
Lautsprache. 
1. Gebärdensprache. Mit Recht hebt Wundt2) hervor, daß 
uns ein unwiderstehlicher Trieb zwinge, den Gemütsbewegungen 
Luft zu machen, wobei, wie, bei jeder Triebäußerung, eine ein¬ 
tretende Bewegung in einer mehr oder weniger deutlich erkenn¬ 
baren Beziehung zu dem erregenden Eindruck stehe: 
„So wird die Vorstellung durch, die Gebärde ausgedrückt, ohne daß ursprüng¬ 
lich notwendig eine besondere Absicht der Mitteilung im Spiele zu sein braucht. 
Aber der Mensch befindet sich von Anfang an unter anderen Menschen, die Ge¬ 
bärde, die eine reine Affektäußerung ist, wird von gleichgearteten Wesen ver¬ 
standen und so zum Hilfsmittel absichtlicher Mitteilung, die anfängliche Trieb¬ 
bewegung geht in eine willkürliche Bewegung über, die zu dem Zweck hervor¬ 
gebracht wird, Vorstellungen und Gefühle mitzuteilen an andere.“ 
So stellt sich die Gebärdensprache als die ursprüng¬ 
lichste Art der Sprache dar. Sehr bald, wahrscheinlich schon 
vom ersten Anfänge an, wurde sie durch Rufe, Schreie, Laute, zum 
Teil auch durch das, was wir heute als „Lautgebärde“ bezeichnen, 
begleitet. So bereitete sich der Übergang zum „Sprachlaut“ vor. 
Nach allem, was wir von der Phylogenese und der Bedeutung 
der Gebärde und ihrer Beziehung zur Lautsprache bei 
primitiven Naturvölkern erfahren haben3), zeigt sich uns die Ge- 
Dieser Teil bildet eine kurze Zusammenfassung meiner bez. Arbeit in der 
Berliner klinischen Wochenschrift, 1913, Nr. 26. 
2) Grundriß der physiologischen Psychologie, Bd. 2, S. 515. 
3) In der Ontogenese der kindlichen Sprachenentwicklung stellt sich diese 
Entwicklung durchaus parallel zur Phylogenese dar.
        

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