Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Beziehungen der Gemütsbewegungen und Gefühle zu Störungen der Sprache
Person:
Gutzmann, Hermann
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39776/25/
Beziehungen der Gemütsbewegungen und Gefühle zu Störungen der Sprache. 283 
Wer je mit angesehen, wie das Kind sieh dieses neuerworbenen 
Besitzes freut, wie es fortwährend, auf das Bild deutend, „Mama“ 
wiederholt, dem wird der oben erwähnte gleiche Vorgang sofort 
einfallen: daß auch wir, die wir auf einfacherem Wege unsere 
Sprach symbole erworben haben, bei der Auffindung eines einen 
komplexen Begriff hübsch umfassenden, schlagenden, „treffenden“ 
Wortes einen lebhaften Lustaffekt fühlen. 
So entstehen also durch den Sprachvorgang oder die 
Sprachbehinderung selbst Affekte, sekundäre Affekte. 
Bei Sprachstörungen, die aus Affekten entstehen, summieren sich 
dann die Wirkungen, so daß der sekundäre Affekt nicht mehr auf 
den gewöhnlichen, ersten Grad der Sprachstörungen zurückführt, der 
durch den primären Affekt erzeugt worden war (was man sehr 
richtig als Circulus vitiosus bezeichnen könnte), sondern über 
diesen Grad hinaus. Ich habe diese Erscheinung der Summations¬ 
wirkung der Affekte als fehlerhafte Spirale, Spira vitiosa, 
bezeichnet. 
Bei der Aphasie werden die oben bereits kurz erwähnten Affekte 
leicht übersehen. Ein Aphasischer, besonders aus intelligenteren 
Kreisen, der bis dahin über seine Sprache verfügt hat und der nach 
Eintritt der Aphasie keinen wesentlichen intellektuellen Defekt da¬ 
vongetragen hat, leidet unter seinem aphasisehen Zustande stets 
sehr schwer; denn je mehr ihm der Gegensatz gegen früher zum 
Bewußtsein kommt, und je weniger er jetzt imstande ist, die in 
ihm auftretenden Vorstellungen, Gefühle und Begehrungen auszu¬ 
drücken, je höher die Spannung in ihm wächst, desto schwerer 
treten die Affekte in anderer Form zutage, und es kommt unter 
Umständen zu wahren Ausbrüchen des Zornes. Diese Affekt¬ 
labilität der Aphasisehen muß man sehr wohl beachten, wenn 
man solche Patienten in eine systematische Behandlung nimmt. Sie 
sind an sich kein schlechtes Zeichen, wenn der sonstige Intellekt 
nahezu normal geblieben ist. 
voll Lebenshauch des Morgens, voll freudigen Jubelgesanges. Bis zu jenem Tage 
hatte mein Geist einem dunklen Zimmer geglichen und wartete, bis die Worte 
einzogen und jene Leuchten entzündeten, welche Gedanken heißen usw.“ 
Es ist verständlich, daß für die taub geborenen Kinder die Anwendung der 
natürlichen Gebärde eine Notwendigkeit schon in Rücksicht auf die Entladung 
der inneren Gefühlsspannungen ist. Daher ist es falsch und grausam, übrigens 
auch so gut wie unmöglich, sie in der Taubstummenbildung gänzlich zu unter¬ 
drücken.
        

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