Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Beziehungen der Gemütsbewegungen und Gefühle zu Störungen der Sprache
Person:
Gutzmann, Hermann
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39776/14/
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Hermann Gutzmann. 
Hörstummheit nur unvollkommen ausgebildet: die Kinder spre^ 
chen einige Worte mehr oder weniger deutlich, schwerfällig („brady- 
arthrisch“) artikuliert, oder sie sprechen mit erschwerter Wortfindung 
(Bradyphasie), oder in mangelhafter grammatischer bzw. syntakti¬ 
scher Form (Agrammatismus, Akataphasie. Steinthal). 
Ist die Stummheit dadurch veranlaßt, daß das Kind hochgradig 
schwerhörig oder von Geburt taub ist, so bezeichnen wir dies als 
Taubstummheit: Surdomutitas, Mutitas surdorum, und rech¬ 
nen dazu auch diejenigen Kinder, bei denen die Taubheit nicht 
angeboren ist, sondern in den Kinderjahren erworben wurde, weil 
durch die eintretende Taubheit der für das Festhalten der sprach¬ 
lichen Bewegungsvorstellungen notwendige fortwährende adäquate 
Hörreiz verloren geht und die Kinder die erworbenen Spraehbewe- 
gungsvorstellungen vergessen. 
Endlich kann eine Unmöglichkeit, die Sprache zu erlernen, 
durch die verschiedenen Formen der Idiotie begründet sein: Mu¬ 
titas idiotica. 
Die zweite Unterform der Dyspbasien (s. o.) bilden dann die verschiedenen 
Formen der Dysphasien (s. str.), die Aphasien : sensorische, motorische Aphasie, amne¬ 
stische Aphasie, Agrammatismus, Akataphasie, Paraphasie usw., die dem Arzte ent¬ 
sprechend ihrer bekannten Verknüpfung mit anatomisch-pathologischen Unterlagen 
am geläufigsten sind. Zu diesen Gruppen gehören auch Fälle von Sprachverlust, 
welche bisher nicht pathologisch-anatomisch begründet sind, so die hysterische 
Aphasie (Mutismus, Mutazismus, Apsithyrie), ferner die bei Kindern ab und zu be¬ 
obachtete— Henoch hat mehrere Fälle beschrieben, ebenso Lichtenstein und 
ich selbst — reflektorisch entstehende Aphasie durch Würmer (Aphasia helmin- 
thica); auch die nicht gerade notwendigerweise hysterisch bedingte, sondern auf 
starke Unlustwirkungen zurückzuführende Aphrasia voluntaria, freiwillige 
Stummheit der Kinder, die häufiger vorkommt, als man bisher annahm, ge¬ 
hört hierher. 
Schon hieraus ist ersichtlich, daß das Gebiet der Dyspha¬ 
sien (s. str.) größer umschrieben werden muß als bisher. 
Als besondere Formen der Aphasie möchte ich neben den drei 
Hauptformen, der sensorischen, motorischen und gemischten Apha¬ 
sie, die Hypophasie bzw. Bradyphasie einfügen, die Verlangsamung 
und Erschwerung der Wortfindung sowie der Satzbildung, häufig 
verbunden mit Embolophrasie, einer Erscheinung, die nicht nur auf 
Entwicklungsstörungen der Sprache bezogen werden kann, sondern 
auch bei Erwachsenen auf Grund anatomisch bedingter zentraler 
Störungen eintritt, ohne daß eigentlich Aphasie in den vorher ge¬ 
nannten Formen besteht. Sehr oft bildet sie bei der Sprachent¬ 
wicklung den Hauptanlaß zur Entstehung des Stotterns (s. u.).
        

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