Bauhaus-Universität Weimar

Uber die Lokalisation von Schallreizen. 
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bewegung geschah, während in der 9. Woche der Kopf der bewegten Hand 
schon folgte, aber noch nicht sicher nach der Schallquelle gewendet wurde. 
Mrs. Moore (153) verlegt die Lokalisation von Schallreizen, die innerhalb 
des Gesichtsfeldes gelegen sind, in die 18. Woche, und schildert die Be¬ 
wegungen der Augen und des Kopfes als solche, die das Objekt eben mit dem 
Sehen zu erfassen trachten. Auch em von Sachs (Hl) beobachtetes vier 
Monate altes Kind drehte den Kopf schnell und reflexartig nach der Rich¬ 
tung des Schalles. Etwas früher hinauf rückt Shinn (235) den Beginn der 
Lokalisation. Am 45. Tage wandte sich das Kind beim Klavierspiel nach 
den Tasten, und nach zwei Monaten begann es diese als Ausgangspunkt des 
Schalles zu betrachten. Vom Ende des zweiten Monats an datiert auch 
Sikorsky (239) das beginnende Umdrehen des Kindes beim Schall, das das 
Ohr regelrecht zum Auffangen des Schalles richtet. Vermutlich beziehen 
sich diese verschiedenen Datierungen auf verschiedene Stellen in der Ent¬ 
wicklung der Schallokalisation, die genauer von J. Meyer (1912, 110) unter¬ 
schieden worden sind. An die ursprüngliche Taubheit des Neugeborenen 
schließt sich zunächst eine Reaktion auf sehr starke Geräusche durch Be¬ 
wegung der Glieder, dann horcht der Säugling bei bekannten Geräuschen auf 
und beginnt mit D/a Monaten nach der Stimme der Wärterin zu suchen. 
Aus diesem Stadium geht endlich eine deutliche Lokalisation des Anrufs der 
Mutter hervor, während fremdartige Geräusche noch nicht lokalisiert werden. 
Zwei Tatsachen entnehmen wir diesen Angaben : Die Lokalisation beginnt 
mit den bekannten Eindrücken, und sie vollzieht sieb in den Bewegungen des 
Kopfes. Die erstere erinnert unmittelbar daran, daß auch noch bei ent¬ 
wickeltem Lokalisationsvermögen die bekannten Eindrücke, deren Merkmale 
durch festere Bande der Assoziation einander gebunden sind, mit größerer 
Leichtigkeit lokalisiert werden. Man möchte daraus wohl schließen, daß zu¬ 
nächst die unselbständigen Merkmale der Lokalisation ihre Wirksamkeit ent¬ 
falten: doch läßt jene Tatsache auch die Deutung zu, daß das Kind nieht 
deswegen bei fremdartigen Schallreizen die anfsuchende Kopfbewegung unter¬ 
läßt, weil es sie nicht lokalisierte, sondern weil sie seine Aufmerksamkeit nicht 
hinreichend erregen. Ich halte indessen die erste Anschauung für wahrschein¬ 
licher. Auch jene als Anzeichen der Lokalisation geschilderten Kopfbewe¬ 
gungen lassen eine verschiedenartige Deutung zu. Auf den ersten Blick 
scheint sich in ihnen eben der Vorgang der Lokalisation zu vollziehen: Das 
Kind sucht die Schallquelle mit der eigenen Bewegung. Es ist aber die Frage, 
ob sich in diesem Vorgänge die Lokalisation in dem Sinne vollzieht, daß das 
Kind, so wie es der Erwachsene nach manchen Theorien tun soll, die Rich¬ 
tung sucht, aus der es den Schall am stärksten oder mit beiden Obren gleich 
stark hört. Jene Bewegung kann auch nur ein Vorgang sein, der sich an 
die vorher irgendwie wahrgenommene Schallriehtimg anschließt, und so zwar 
als das Symptom, nicht aber als der Ursprung der Lokalisation zu gelten bat. 
Mir erscheint es einigermaßen zweifelhaft, daß jene Kopfbewegung des Kindes, 
wenn wir uns der Ausdrücke der Theorie bedienen, das Schallmaximum oder 
die gleiche Erregungsstärke beider Ohren aufsuche. Das Kind wendet das 
Gesicht in die Richtung der Schallquelle aus dem einfachen Grunde, weil es 
mit dem Auge die vorher in ihrer Richtung bereits irgendwie bestimmte Schall¬ 
quelle aufsucht. Dieser Möglichkeiten ist zu gedenken, wenn man die ge-
        

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