Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/93/
Die zeichnende Kunst des Kindes. 
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b. Entwicklungsstufen der zeichnenden Kunst des Kindes. 
Die Reihenfolge, in der die Objekte der Umgebung in den 
Zeichnungen des Kindes auftreten, läßt nun zunächst deutlich drei 
Entwicklungsstufen unterscheiden, in denen unmittelbar die allmäh¬ 
liche Erweiterung des Umfangs der Aufmerksamkeit sich ausspricht. 
Auf der ersten Stufe ist der Mensch das ausschließliche Objekt 
der kindlichen Zeichnungen. Auf der zweiten tritt dazu das Tier, 
zunächst in Gestalt der bekannteren Haustiere, Hund, Katze, Pferd, 
Rind. Auf der dritten kommt dazu die weitere Umgebung, 
Bäume, Blumen, Häuser, Tische, Stühle u. a. Diese drei Stadien 
gehen vor allem in dem Sinne stetig ineinander über, als jedes¬ 
mal die Objekte der vorangehenden Stufen zunächst in einer nach¬ 
folgenden immer noch die Hauptobjekte sind, neben denen die 
neuen eine untergeordnete Staffage zu bilden pflegen und als solche 
meist auch dadurch gekennzeichnet sind, daß sie in geringerer 
Größe dargestellt werden. So überragt, wenn Menschen und Tiere 
nebeneinander stehen, der Mensch in der Regel das Tier, mag das 
auch noch so sehr dem wirklichen Größenverhältnis widersprechen. 
Noch mehr aber ragen Menschen und Tiere meist über Bäume und 
Häuser empor, wenn diese zusammen mit jenen auftreten. Wie alle 
Objekte in bloßen Umrissen, ohne Schattierung noch bis in die 
späteren Zeiten dieser kindlichen Kunstleistungen wiedergegeben 
werden, so fehlt übrigens auch durchaus die Rücksicht auf Perspek¬ 
tive. Was in verschiedener Entfernung liegt, erscheint übereinander, 
und dabei nicht selten in umgekehrter Perspektive, das Fernere 
größer als das Nahe. 
Innerhalb der erwähnten drei Hauptstadien lassen sich nun weiter¬ 
hin noch verschiedene Unterstufen unterscheiden, die durchweg 
wieder dem gleichen Prinzip der Hervorhebung des von der Auf¬ 
merksamkeit Bevorzugten, zuerst durch alleinige Wiedergabe, dann 
durch bedeutendere Größe, zu folgen pflegen. Besonders deutlich 
prägen diese Stufen in der Darstellung des Menschen sich aus. 
In der ersten Zeit, in der der Mensch das einzige Objekt kindlicher 
Kunst ist, geht diese über das Bild des einzelnen Menschen nicht 
hinaus. Zunächst ist es sogar bloß der Kopf, der als ein annähernd 
kreisförmiger, manchmal auch eckiger Umriß gezeichnet wird. In 
Wandt, Völkerpsychologie U. x. 6
        

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