Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/89/
Die zeichnende Konst des Kindes. 
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Eigenschaft hängt dann zugleich die weitere zusammen, daß dies 
Phantasieleben stets, bald deutlicher, bald dunkler, in die Zukunft 
verlegt wird. Selbst ein völlig imaginäres und unmögliches Geschehen 
wird doch als ein dereinst einmal eintretendes oder zu erwartendes 
vorgestellt. Nie schweift ein solches Phantasieren in die Vergangen¬ 
heit, oder wo dies geschieht, wie gelegentlich bei der Anregung 
durch geschichtliche Erzählungen, da ändert die kindliche Phantasie 
die rückwärts gerichtete in eine dem Künftigen zugekehrte Perspek¬ 
tive um. Diese Eigenschaft steht natürlich damit, daß die Phanta¬ 
sie durch ihre Gefiihlsprojektionen die Objekte belebt, umschafft 
und so aus ihnen macht, was sie zuvor nicht waren, in engster Be¬ 
ziehung. In dieser Form aber reicht jenes freie Phantasieren in 
geregelteren und darum der Beobachtung sich mehr entziehenden 
Gestaltungen aus dem Leben des Kindes in das spätere Leben hin¬ 
über und wird hier zugleich zur Quelle ales praktischen Handelns. 
Pläne, Entwürfe, Vorsätze, sie sind Modifikationen der nämlichen 
freien Phantasietätigkeit, aus der auch die Werke der Kunst hervor¬ 
gehen. Wie das Kind im Spiel den Gebilden seiner Phantasie in der 
es umgebenden Welt Wirklichkeit und Leben gibt, so strebt über¬ 
all der Wille, das zu verwirklichen, was zuerst die Phantasie gestaltet 
hatte. Aber noch über die Grenzen des praktischen Wollens strebt 
diese freie Tätigkeit der Phantasie und mit ihr der Trieb, ihre Ge¬ 
bilde in Wirklichkeit überzufîihren, hinaus. In der Kunst schafft 
sie, was niemals gewesen ist und niemals wirklich werden kann; 
und in Mythus und Religion bildet sie sich eine zweite Welt, die 
wiederum in der Kunst ihren Ausdruck findet. 
3. Die zeichnende Kunst des Kindes. 
a. Allgemeine Bedeutung der Kinderzeichnungen. 
Die wahre und naturwüchsige Kunst des Kindes ist das Spiel. 
Im Spiel pflegt es alle Gattungen der Kunst in jener noch un¬ 
gestörten Einheit, die überall den Anfängen der Kunst eigen ist. 
Es übt Tanz und Gesang, und in den Handlungen des Spiels 
greifen Epos und Drama ineinander ein. Nur die bildende Kunst 
geht verhältnismäßig leer aus. Denn das Kind kann ihrer entraten, 
da ihm die Objekte, deren es zu seinem episch-dramatischen Spiel
        

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