Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/624/
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Die mythenbildende Phantasie. 
der rein historischen Forschung allein zur Verfügung stehenden 
Wege der ursprüngliche Mythus und die dichterische Umformung 
und Weiterbildung desselben aus einem doppelten Grunde nur sehr 
unvollkommen scheiden. Erstens nimmt der Kultus selbst bereits 
an jener dichterischen Weiterbildung teil. Ist doch die Hymnen¬ 
dichtung ein wichtiger Bestandteil eines jeden entwickelteren Kultus, 
und selbst die dramatische Dichtung hat mindestens einen ihrer 
Ursprungspunkte in Kultzeremonien und Mysterienspielen, wie sie 
sich bei weit entlegenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten 
unabhängig entwickelt haben. Zweitens aber enthält der Kultus für 
sich allein höchstens Andeutungen über den in ihm sich bergen¬ 
den Inhalt religiöser und mythologischer Vorstellungen. Er bedarf 
also der Interpretation, die, wenn sie nicht in fest überlieferten litur¬ 
gischen Formen, die ihrerseits poetisch geformt sind, ihre Grundlage 
findet, auf die sonstigen, wieder zumeist durch die Dichtung ver¬ 
mittelten Überlieferungen zurückgreifen muß. So ist der gesamte 
Inhalt dessen, was man in der objektiven Bedeutung des Wortes 
die Mythologie eines Volkes nennt, eine Verbindung von Mythus 
und Dichtung, in welchem die letztere, weil sie selbst direkt oder 
indirekt das hauptsächlichste Mittel der Überlieferung ist, den über¬ 
wiegenden Raum einnimmt. Dazu kommt nun noch, daß sich das 
Hauptinteresse der beiden Disziplinen, die außer der Psychologie 
und im allgemeinen früher als sie der Mythologie ihre Aufmerk¬ 
samkeit zuwandten, der Philologie und der Ethnologie, aus guten 
Gründen den dichterischen Bestandteilen des Mythus mehr als den 
ursprünglichen mythologischen Vorstellungen zuzuwenden pflegt. In 
dem Kulturbild, das die Philologie zu entwerfen sucht, sind die 
poetischen Bearbeitungen des Mythus für den geistigen Lebens¬ 
inhalt der Kulturen viel wichtiger als der ursprüngliche, zumeist im 
Dunkel der Vorgeschichte verschwindende mythische Kern solcher 
Dichtungen. Für den Ethnologen aber sind zwar, solange es sich 
ihm um die psychologische Schilderung der Völker handelt, beide 
Bestandteile von gleichem Interesse. Immerhin gewinnen auch hier 
die poetischen Ausschmückungen des Mythus deshalb einen beson¬ 
deren Wert, weil sie es vorzugsweise sind, die als Merkmale früher 
Kulturbeziehungen der Völker dienen können. Denn die Verbrei¬ 
tung von Sagen und Märchen bildet gerade dann ein zuverlässiges
        

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