Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/597/
Die mythologische Assoziation. 
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nung, sondern eine zu dieser hinzutretende Assoziation, die der 
Vorstellung ihren Inhalt gibt Auch in diesem Falle pflegt dann die 
mythologische Deutung dem wirklichen Vorgang, der sich, wie alle 
Assoziationen, mit einer Art mechanischer Notwendigkeit abspielt, 
eine reflexionsmäßig entstandene Theorie zu substituieren. Da mit 
dem letzten Atemzug das Leben aufhört, so soll der Atem als das 
belebende und beseelende »Prinzip« angesehen werden. Das ist in 
der Tat eine Theorie, die sich, wie wir vermuten dürfen, schon in 
sehr früher Zeit bei den Ärzten und Philosophen, die über Leben 
und Beseelung spekulierten, aus den verbreiteten Volksvorstellungen 
entwickelt hat. Innerhalb des Kreises dieser Vorstellungen selbst 
kann aber von einer solchen Theorie nicht die Rede sein, sondern 
an den eintretenden Tod mit seinen Begleiterscheinungen, der Be¬ 
wegungslosigkeit, dem Erstarren und Erblassen des Körpers, ist un¬ 
mittelbar durch eine feste Assoziation die des letzten tiefen Atemzugs 
gebunden. Wie das Traumbild des Verstorbenen, so ist daher auch 
diese Assoziation unmittelbare Wirklichkeit. Der Hauch des Atems 
ist ein Bestandteil des lebenden Menschen. Wie dieser Hauch es 
anfängt, alle die Erscheinungen hervorzubringen, die in ihrer Ver¬ 
bindung das seelische Leben ausmachen, darüber gibt sich der 
primitive Mensch keinen Reflexionen hin. Der Atem ist für ihn 
wirklich die Seele, die er im Moment des Todes aus dem Munde 
ausströmen hört und sieht. Daran reihen sich dann aber weiterhin 
von selbst vermöge der natürlichen Beziehungen der Vorstellungen 
weitere Assoziationsglieder, durch die sich nun die Seelenvorstellung 
immer mehr von ihrem Ausgangspunkte entfernen kann. Der 
Atem wird als ein dem Mund entweichendes Wölkchen gesehen. 
So assoziiert sich der Vorgang der Seelenentweichung mit dem Zug 
der Wolken, und indem die Wolke als belebt apperzipiert wird, 
assozüert sich diese hinwiederum mit der Vorstellung des fliegenden 
Vogels oder nach einer andern Seite mit der am Himmel auf- und 
niedersteigenden Sonne. Das Bild des Vogels erweckt dann das 
des dahineüenden Schiffes, usw. So entstehen die Mythen vom 
Totenvogel, vom Seelenschiff, endlich die mannigfachen Verbin¬ 
dungen, die der Seelenglaube mit den Sonnenmythen eingeht. 
Schon die ungeheure Verbreitung dieser Mythen und ihre minde¬ 
stens in vielen Fällen völlig unabhängige Entstehung weist auf die
        

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