Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/586/
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Die mythenbildende Phantasie. 
ihres Versuchs, alles seelische Geschehen auf ein mechanisches Spiel 
von Vorstellungen zurückzufuhren, augenfällig zutage, da die tief¬ 
sten Quellen des mythologischen Denkens sichtlich nicht aus irgend¬ 
einem Mechanismus der Vorstellungen, sondern aus den menschlichen 
Affekten und Trieben entspringen. Indem Herbart in seiner Theorie 
der Apperzeption die wirkliche Apperzeption, diese Grundfunktion 
des Bewußtseins, die zu jenen Affekten und Trieben in der eng¬ 
sten Beziehung steht, eigentlich eliminiert, um für sie den Vor¬ 
gang einzusetzen, den wir heute als wechselseitige Assimilation 
der Vorstellungselemente bezeichnen, mangelt seiner Psychologie 
das Organ für die Auffassung des Mythologischen. Jene Assi¬ 
milation ist freilich ein alle Sinneswahrnehmungen wie Erinnerungs- 
Vorgänge begleitender Prozeß. Sie ist in der normalen Sinnes¬ 
wahrnehmung ebenso, nur in intensiv und extensiv geringerem 
Grade wirksam, wie in der an die Halluzination dicht heranreichen¬ 
den phantastischen Illusion. Die mythologischen Vorstellungen sind 
aber so wenig Sinneswahrnehmungen wie Halluzinationen, wenn sie 
auch von diesen ebenso wie von jenen beeinflußt werden können. 
Darum ist der Begriff der Illusion gleichzeitig zu eng und zu weit, 
um die Eigenschaften des mythologischen Denkens überhaupt irgend¬ 
wie zu charakterisieren. 
b. Die Snggestionstheorie. 
Die moderne Soziologie steht in der Richtung, die ihr vornehm¬ 
lich von den französischen und italienischen Soziologen gegeben 
wurde, in einem prinzipiellen Gegensätze zu dem Standpunkt der 
Völkerpsychologie. Diese muß notwendigerweise in den seelischen 
Eigenschaften des Individuums überall die letzten Erklärungsgründe 
für diejenigen psychischen Erscheinungen suchen, die eine Wechsel¬ 
wirkung der einzelnen und eine längere, über ganze Generationen¬ 
reihen sich erstreckende Kontinuität der Entwicklungen voraussetzen. 
Die Soziologie dagegen geht sogleich von dem Begriff der Gesell¬ 
schaft aus, die sie als eine höhere Einheit dem Individuum gegen¬ 
überstellt, um nun aus den an solchen Kollektivwesen beobachteten 
Erscheinungen gewisse ausschließlich für sie geltende Gesetze zu 
abstrahieren. Dieser prinzipielle Gegensatz bringt es schon mit sich,
        

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