Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/57/
Die Zeitphantasie. 
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sehr, daß wir uns unmittelbar in sie versetzt glauben. Hier ist die 
Einfühlung auf ihrer Höhe, und das Objekt ist beinahe vollkommen 
das Werk unserer Phantasie, — denn was bedeuten die dürftigen Um¬ 
risse, die jene gewaltige Vorstellung auslösen? Gerade darum aber 
gehen wir selbst völlig in diesem Objekt auf, wir schweben mit ihm 
und in ihm in die Weite und kehren aus dieser wieder zu unserem 
eigenen Standort zurück. 
2. Die Zeitphantasie. 
tu Subjektive Taktformen. 
Wie die Raumphantasie den Sehraum und vermöge der vor¬ 
herrschenden Bedeutung des Gesichtssinnes die Anschauungswelt des 
Menschen überhaupt beherrscht, so wird die Zeitphantasie in erster 
Linie durch Schall und Klang wirksam. Die eigene Bewegung, die 
Wer so wenig wie bei der Raumphantasie fehlen kann, gewinnt ihre 
Macht zumeist erst durch die festen Assoziationen, durch die sie mit 
den Eindrücken des Gehörs verbunden ist. Abgesehen von den 
besonderen Eigenschaften von Schall und Klang und ihrer Ordnung 
zu zeitlichen Vorstellungen kehren daher bei der Zeitphantasie die 
nämlichen allgemeinen Verhältnisse wieder, die uns bei der Raum¬ 
phantasie begegnet sind. Auch hier fehlt es niemals an einem ob¬ 
jektiven Eindruck, der die Vorstellungen auslöst; und auch hier sind 
diese nicht durch irgendwelche spezifischen Merkmale von den ge¬ 
wöhnlichen Sinneswahmefamungen zu scheiden, sondern überall 
spielen die Faktoren der Phantasietätigkeit in unsere Auffassung der 
Eindrücke hinein. Nur bringen es die besonderen Eigenschaften des 
hauptsächlichsten Zeitsinnes, des Gehörs, mit sich, daß sich die ob¬ 
jektiven Eindrücke, welche die Phantasietätigkeit auslösen, ebenso 
wie die Veränderungen, die hinwiederum diese an den Eindrücken 
hervorbringt, leichter unserer Beachtung entziehen. Jene auslösen¬ 
den Eindrücke sind ^nämlich vermöge der Fähigkeit des Menschen, 
in den Stimm- und Sprachlauten Schalleindrücke hervorzubringen, 
in sehr vielen Fällen selbst subjektiven Ursprungs; und sie können 
dies auch dann sein, wenn die Stimmlaute nicht zu objektiver 
Schallgebung gelangen, weil die Artikulationsbewegungen mit den 
sie begleitenden Empfindungen immer bereitstehende assoziative
        

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