Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/567/
Symbolistische and rationalistische Mythendentnngen. 
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eine Art Wissenschaft wie diejenige Mythologie, die hinwiederum 
die Erforschung dieses Objekts zu ihrer Aufgabe hat Nur daß jene 
über Natur, Seele, Gott und andere Dinge, diese dagegen erst über 
die Vorstellungen reflektiert, die sich eine solche objektive Mytho¬ 
logie von den Dingen und ihrem Zusammenhang gebildet hat 
b. Kritik des Symbolismus. 
Daß gegenüber dieser rationalistischen Auffassung die poetisch¬ 
symbolistische ihre Vorzüge hat, ist nicht zu verkennen. Bemüht 
sie sich doch immerhin, einen Maßstab an die Dinge anzulegen, 
der ihnen selbst oder mindestens den ihnen nächstverwandten gei¬ 
stigen Erzeugnissen entnommen ist. Auch kann ja an der engen 
Beziehung zwischen Dichtung und Mythus kein Zweifel bestehen, 
ebensowenig daran, daß dem mythenbildenden Bewußtsein selbst 
seine Schöpfungen nicht Dichtungen, sondern Wirklichkeit sind. 
Daß endlich auf dem Boden mythologischer Vorstellungen und der 
unter ihrem Einfluß sich bildenden religiösen Kulte Symbole ent¬ 
stehen, und daß dieser Vorgang in der Entwicklung der positiven 
Religionen eine wichtige Rolle spielt, ist unbestreitbar. Aber weder 
die Romantik noch die in ihren Spuren wandelnde Richtung der 
neueren Mythologie hat diese Beziehungen zu Dichtung und Symbol 
irgendwie deutlich gemacht. So richtig sie es erfaßt hat, daß alle 
Rationalisierung von Mythus und Religion an den entscheidenden 
Motiven achtlos vorübergeht, so pflegt sie doch selbst, wo sie 
irgend den Versuch macht, über jene Motive Rechenschaft zu geben, 
teils in völlig unbestimmten, teils wiederum in allerlei rationalisieren¬ 
den Unterscheidungen befangen zu bleiben. In dieser Beziehung 
besitzt der Symbolbegriff in der heutigen Mythologie noch die gleiche 
schwankende Unbestimmtheit wie in Fr. Creuzers »Symbolik und 
Mythologie«. So ist es zweifellos kein zureichendes Kriterium, wenn 
man den Unterschied von Mythus und Dichtung darin sieht, daß 
jener für Wirklichkeit gehalten werde und diese nicht. Abgesehen 
davon, daß Dichtungen, die höchst persönlichen und willkürlichen 
Ursprungs sind, vielfach als Wahrheit gegolten haben und noch 
gelten, ist die ästhetische Wirkung einer dichterischen Schöpfung 
vielmehr an die Bedingung gebunden, daß der Gedanke der Er¬ 
findung bei ihr völlig verschwindet. Daß ferner der Mythus in
        

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