Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/540/
Die raythenbildende Phantasie. 
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Fragen, die irgendwie mit der Religion und ihrer Entwicklung Zu¬ 
sammenhängen, weniger als auf irgendeinem andern Gebiet von den 
Traditionen der Geschicfatsphilosophie zu befreien vermocht hat, ist 
die historische Mythenforschung noch ganz und gar von der Samm¬ 
lung und Sichtung eines Ungeheuern, aus Geschichte, Prähistorie 
und Völkerkunde unablässig zuströmenden Materials in Anspruch 
genommen. Dazu kommt als ein für beide Teile gleich erschweren¬ 
des Moment die enge Verbindung von Mythus und Religion, durch 
die selbst auf die Behandlung der für die Religion als solche gleich¬ 
gültigsten mythologischen Fragen der religiöse Standpunkt der be¬ 
teiligten Forscher einen fast unvermeidlichen Einfluß ausübt. 
Unter diesen Umständen ist es den Mythologen, die von der 
Philologie und Geschichte herkomm en, vielleicht nicht sonderlich 
zu verargen, wenn sie allenfalls in der Ethnologie eine bei den all¬ 
gemeineren Fragen unentbehrliche Hilfsdisziplin erblicken, von der 
Psychologie aber, die ihnen nur als eine andere Form geschichte¬ 
philosophischer Konstruktionen erscheinen mag, nichts wissen wollen. 
Das hindert freilich nicht, daß sie sich nötigenfalls ihre eigene 
Psychologie zurechtlegen, die dann in der Regel ebenfalls in irgend¬ 
eine der geschichtsphilosophischen Theorien ausmündet, die nun 
seit mehr als einem Jahrhundert in wenig veränderter Form ein¬ 
ander gegenüberstehen und in ihren Anfängen meist in noch viel 
frühere Zeiten zuriickreichen. 
Daß in dieser Beziehung die Mythologie gegenwärtig noch eine 
Stufe wissenschaftlicher Entwicklung repräsentiert, die das elemen¬ 
tarere Gebiet der Sprache seit geraumer Zeit überschritten hat, ist 
augenfällig. Dennoch wird man nicht behaupten können, daß die 
Mythologie an sich psychologischen Fragen ferner stehe als die 
Sprachwissenschaft. Im Gegenteil, wenn hier überhaupt ein Unter¬ 
schied bestehen sollte, so ist es der, daß der Mythus unmittelbarer 
und dringlicher auf die Frage nach den psychologischen Motiven 
seiner Entstehung und Entwicklung hinweist als die Sprache, die, 
als eine im allgemeinen weiter in prähistorische Femen zurück¬ 
reichende geistige Schöpfung, eher als ein ursprünglicher Besitz 
erscheinen mag, dessen Quellen unseren empirisch-psychologischen 
Hilfsmitteln unzugänglich seien. Dazu kommt, daß jene allgemeinen 
Gesichtspunkte, die zu einer psychologischen Behandlung geistiger
        

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