Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/529/
Mimus and Drama. 
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in einem durch die rasche rhythmische, Wiederholung hochgestei¬ 
gerten Grade auslöst. So ist das Lachen psychologisch befrachtet 
eine zum Reflex gewordene Ausdrucksbewegung, die wahrscheinlich 
in der Urzeit des Menschen aus lauten, oft wiederholten freudigen 
Ausrufen bestand, daher sie auch noch heute von stoßweisen Stimm¬ 
lauten und von einer Veränderung der Respirationsrhythmik im 
Sinne der verstärkten Exspiration begleitet ist Man könnte es einen 
zum Reflex umgewandelten Jubelruf nennen, der auch in dem 
mechanisch gewordenen Zustand, in den er übergegangen ist, die 
gleichzeitig erfreuende und entlastende Wirkung bewahrt hat, die 
ihm als einer ursprünglichen Willenshandlung eigen war. In dieser 
seiner Eigenart ist das Lachen ebenso ein körperliches Bild der 
Entlastung des Gemüts, wie es durch die sinnlichen Gefühle, die 
es hervorbringt, eine kräftige Unterstützung der lusterregenden 
Wirkung jener Entlastung ist 
i. Psychologie der tragischen Motive. 
Später als der burleske Mimus, an den sich dann weiterhin die 
Komödie anschloß, hat sich die Tragödie aus dem ernsten religiö¬ 
sen Mimus entwickelt So sind denn auch viele im übrigen geistig 
hochstehende Kulturvölker in der Ausbildung der dramatischen Kunst 
nicht über die Komödie hinausgekommen. Der Grund davon liegt 
wahrscheinlich in der starken erhaltenden Kraft, die jenen ernsten 
Teilen des religiösen Kultus, dem Hymnus und der Liturgie, inne¬ 
wohnt, und die naturgemäß um so mächtiger ist, je mehr das reli¬ 
giöse Leben, etwa noch unterstützt durch Priesterschaft und Kult¬ 
genossenschaften, zur Bewahrung des Überlieferten hinneigt. Die 
Tragödie, so tief religiös sie auch in ihren ersten Anfängen gestimmt 
sein mag, ist doch in dem Sinne eine Verweltlichung des Kultus, 
als sie statt der Götter Heroen und Menschen in den Mittelpunkt 
der religiösen Ideen stellt, während die burleske Posse, eben weil 
sie von frühe an höchstens eine äußere Zugabe zum religiösen 
Kultus ist, diesen als solchen unberührt läßt. Darum sind die Kultur¬ 
völker von strengster Religiosität nicht zur Entwicklung einer Tragödie 
gelangt So haben sie die Römer erst in später Zeit von den Griechen 
übernommen, und den Indem ist sie überhaupt fremd geblieben. 
Doch die strengere ist nicht unbedingt die tiefere Religiosität.
        

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