Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/524/
512 
Die Phantasie in der Kunst. 
ursprünglich ins Leben rief, allmählich verblaßt, erhöhen sich die 
Lustgefühle, die schon den beiden Faktoren des Mimus, dem Ge¬ 
sang und dem Tanz, eigen sind. Je mehr sich nun die ursprüng¬ 
lichen Affekte der schwankenden Hoffnung und Furcht, die den 
Zauberkultus begleiten, ermäßigen, um so stärker wachsen diese 
ihnen entgegengesetzten Wirkungen und tragen so dazu bei, die 
primäre mythologische Bedeutung zurückzudrängen. Indem aber 
gleichwohl diese immer noch nachwirkt, werden jene kompensieren¬ 
den Lustgefühle zugleich durch den Kontrast, der die der voran¬ 
gegangenen Belastung des Gemüts folgende Erleichterung begleitet, 
mächtig gehoben. So wirkt die Gorgonenmaske in ihren primitiven 
Bildungen (Fig, 21 A und B, S. 150) in dem Augenblick nicht mehr 
schreckenerregend, sondern burlesk, wo der Glaube an ihre Zauber¬ 
kraft geschwunden ist, und die komische Wirkung steigert sich, 
wenn die Maske abgelegt wird und der Mensch, der sie getragen, 
sein eigenes Gesicht zur Gorgonenfratze verzerrt. Denn nun wird 
die Furcht, die die fremdartige Maske immer noch einflößt, vollends 
zerstreut; und außerdem tritt jetzt zu dem Gefühl der Entlastung 
von der vorangegangenen Furcht noch als ein zweites Kontrast- 
gefiihl das des wirklichen Gesichts und der angenommenen Fratze. 
Dieser zweite Kontrast steigert sich wieder durch die Tierähnlichkeit 
der Fratze, weil er nun selbst eigentlich aus einer Summation zweier 
Kontraste besteht: aus dem des tierischen und menschlichen Gesichts, 
und aus dem andern der bloß tierähnlichen Fratze mit dem wirk¬ 
lichen Tiergesicht Die ähnlichen Motive finden wir bei der burles¬ 
ken Tierpantomime vereinigt, wie sie denn in allen den Fällen 
wiederkehren, wo eine ursprüngliche Zauberzeremonie durch das 
Verschwinden der Zaubervorstellungen, auch wenn es nur ein vor¬ 
übergehendes ist, zur Burleske wird. Eine Meine Modifikation er¬ 
fahrt der psychische Vorgang nur, wenn eine ernste Zeremonie 
durch burleske Einschaltungen unterbrochen wird, wie bei dem 
Salbenkrämer im christlichen Osterspiel oder bei den ihren Wett¬ 
lauf zum Grabe antretenden Aposteln. Hier tritt der sukzessive 
Kontrast zwischen der heiligen Handlung und der komischen Figur 
oder Situation stärker hervor. Aber es fehlt auch der zweite, 
simultane Kontrast nicht: der Wettlauf und die ehrwürdige Person 
des Apostels sind Gegensätze, die zu der bizarren Unterbrechung
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.