Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/522/
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Die Phantasie in der Kunst. 
Mächtigen ist sie dann fortgeschritten, um schließlich bei dem 
Menschen als solchem zu endigen. Hierin wiederholt sich ein 
Wandel der Erscheinungen, der genau in der gleichen Weise bei 
der Epik in dem Übergang des Heldengesanges zum modernen 
Roman sich ereignet hat. Aber bei dem Drama tritt er deshalb 
besonders augenfällig hervor, weil er hier durch den Kontrast mit 
der von früh an die Niederungen des Lebens mit Vorliebe auf¬ 
suchenden komischen Kunst gehoben wird, und weil deutlicher 
als irgendwo sonst die Umwandlungen des gesellschaftlichen Lebens 
und der sittlichen Anschauungen als die treibenden Kräfte zu er¬ 
kennen sind. Um so bemerkenswerter ist es, daß bei diesem 
Wechsel der Objekte des tragischen Interesses das Tragische als 
solches eine ähnliche Konstanz wie das Komische bewahrt hat 
Gewiß gehen eine Sophokleische und eine Shakespearesche Tragödie 
und ein bürgerliches Trauerspiel wie »Kabale und Liebe« in den 
Motiven und Mitteln des Tragischen ebensoweit auseinander, wie 
die Weltanschauungen der Zeitalter verschieden sind, denen diese 
Werke angehören. Aber es bleibt ihnen bei allem dem etwas Ge¬ 
meinsames, das sich nicht bloß in der verwandten Wirkung auf den 
Zuschauer, sondern auch in dem zu allen Zeiten gleichbleibenderi 
Gegensätze zum Komischen offenbart. In diesem Sinne kann man 
daher sagen, daß eine neue Grundform des Dramas seit den 
Griechen nicht mehr entstanden ist. Auch das bürgerliche Trauer¬ 
spiel und das psychologische Drama der Gegenwart bleiben Tra¬ 
gödien, und die Gegensätze des Tragischen und Komischen sind 
die gleichen geblieben, die sie in der Kunst des Altertums gewesen. 
Daraus ergibt sich, daß dieser Gegensatz in den unveränderlichen 
seelischen Eigenschaften des Menschen selbst seinen Grund haben 
muß. Um seine psychologischen Wurzeln zu finden, wird es aber 
erforderlich sein, den psychologischen Bedingungen des Motiv¬ 
wandels näher zu treten, durch den jene Gegensätze zu verschie¬ 
denen Zeiten ihre so verschiedenen Färbungen empfangen haben. 
Um eine Grundlage für diese Betrachtung zu gewinnen, fassen wir 
die oben dargelegten genealogischen Beziehungen der dramatischen 
Kunstformen schließlich in einem kurzen Schema zusammen:
        

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