Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/521/
Mima» and Drama. 
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schmäht, in die Tiefen der menschlichen Gesellschaft zu steigen und 
ihnen sogar mit Vorliebe ihre komischen Figuren entnommen, so 
blieben die Träger der Tragödie ausschließlich Heroen oder Helden 
oder mindestens Menschen, die auf den Höhen des Lebens standen, 
first das 18. Jahrhundert, dieses Jahrhundert der Aufklärung und 
des aufstrebenden Bürgertums, hat in der »bürgerlichen Tragödie« 
eine Gattung des Dramas geschaffen, die das Tragische der Kon¬ 
flikte und Leiden des täglichen Lebens zur künstlerischen Dar¬ 
stellung brachte. Die psychologischen Motive dieses Gegensatzes 
sind unschwer zu erkennen. Komische Figuren und Situationen 
sind überall zu finden, und im gemeinen Leben treten sie offener 
zutage als in der höheren Gesellschaft Auch kann man über 
Bauern, Handwerker und Sklaven leichter ungestraft lachen als über 
Machthaber und Vornehme. Dagegen hatte noch Voltaire die Er¬ 
hebung des gewöhnlichen Menschen in die Sphäre des Tragischen 
eine Herabwürdigung des Kothurns genannt. In der bürgerlichen 
Tragödie errang sich der »dritte Stand« auf künstlerischem Gebiet 
die Rechte, die ihm die Revolution auf dem politischen, und die 
ihm zuvor schon die Philosophie auf dem der geistigen Bildung 
verschafft hatte. Zuerst nur schüchtern als eine Ergänzung der 
Tragödie hohen Stils zugelassen, eroberte sich das bürgerliche 
Drama im Laufe des 19. Jahrhunderts in dem Maße die Vor¬ 
herrschaft, als die psychologische Vertiefung in die tragischen 
Probleme eine intimere Nähe der Gegenstände verlangte, und als 
die tragischen Konflikte, die das allgemeine Interesse beschäftigten, 
mehr und mehr selbst dem Leben der bürgerlichen Gesellschaft 
angehörten. Darum kann man sich nicht wundem, daß die Alten 
zwar eine bürgerliche Komödie, aber keine bürgerliche Tragödie 
besaßen. Sie konnten sie nicht besitzen, weil der antiken Ge¬ 
sellschaft die Bedingungen dazu mangelten. Der dritte Stand in 
der modernen Bedeutung des Wortes ist erst das Erzeugnis der 
modernen Kultur, die in ihrem unaufhaltsamen Fortschritt dem 
Kampf des dritten den des inerten Standes und damit dem bürger- 
lieben "rauerspiel auch noch die Arbeitertragödie folgen ließ. So 
erscheint die Erweiterung des Tragischen zum allgemein 
Menschlichen als das Ziel dieser Entwicklung. Bei den Göttern 
und Heroen hat die Tragödie begonnen, zu den Großen und
        

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