Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/520/
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Die Phantasie in der Kunst. 
Bedeutung festzustellen sind. Auf den einen, auf das unmittelbare 
Hervorwachsen der Komik aus dem nach seinem Grundcharakter 
tragischen Stoff, wurde oben schon hingewiesen. Diese Unter¬ 
brechung der tragischen Spannung durch komische Einschaltungen 
ist der modernen Tragödie eigen geblieben, wo immer sie nicht 
etwa durch das Vorbild der Antike von diesem ihr durch das kirch¬ 
liche Schauspiel frühe schon angewiesenen Weg abgedrängt wurde. 
An diesem Merkmal läßt sich daher auch einigermaßen die Größe 
des Einflusses bemessen, den jenes Vorbild im Verhältnis zu sonstigen 
Einwirkungen ausgeübt hat. Der Kontrast der klassischen Tragödie 
der Franzosen und ihrer Ergänzung durch das Molièresche Lust¬ 
spiel mit dem Drama Shakespeares und seiner englischen Vorläufer 
ist für dieses Verhältnis bezeichnend. Dort eine in die vornehme 
Gesellschaft des absoluten Königtums übertragene Nachahmung der 
heroischen Tragödie und der Charakter- und Intrigenkomödie alten 
Stils, hier ein bunter Zusammenfluß alter und neuer Elemente, neben 
den Reminiszenzen an die römische Tragödie und Komödie die 
Rückwirkungen des kirchlichen Schauspiels in seinen späteren, der 
freien Komposition einen weiteren Spielraum bietenden Beispielen, 
außerdem die reiche Märchen- und Novellenliteratur der Renaissance, 
und endlich wohl nicht an letzter Stelle jener nie unterbrochene 
Strom wandernder Mimen, die in neuer wie alter Zeit dem schau¬ 
lustigen Publikum auf Messen und Märkten burleske Szenen aus 
dem Leben, Geschichten von Mordtaten und andern schrecklichen 
Ereignissen vorfiihrten, und aus denen die Wanderkomödie mit 
ihrem Ableger, dem Puppenspiel, hervorging. Das moderne Drama, 
soweit es nicht in die Bahnen der antikisierenden Tragödie und 
Komödie zurücklenkt, ist der nächste Rechtenachfolger dieses 
wandernden Spiels, auf das es selbst wieder durch die Überlieferung 
seiner Stoffe zurückgewirkt hat, wie sich denn auch die Wander¬ 
bühne und die soziale Stellung der fahrenden Leute noch lange 
Zeit auf das moderne Schauspiel vererbt haben. Dieser vielseitige 
Ursprung und nicht zum wenigsten die nahe Beziehung zu der von 
dem Zwang aller Regeln freien mimischen Kunst hat dem modernen 
Drama seine originale Bedeutung gegeben. Nur in einer Beziehung 
hat es die Schranken nicht überschritten, die ihm in der Antike ge¬ 
zogen waren. Hatte die Komödie schon in alter Zeit es nicht ver-
        

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