Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/52/
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Die Phantasie. 
diesen und ähnlichen Fällen stattfindet, kann daher den Gedanken 
erwecken, jene Raumgefühle seien die Ursachen solcher Täuschungen, 
einen Gedanken, den in der Tat Th. Lipps in seiner an feinen 
ästhetischen Bemerkungen reichen Analyse einfacher Raumformen 
durchzuführen gesucht hat. Aber abgesehen von andern positiven 
Beweisen, die hier die an die Bedingungen der Fixation und Be¬ 
wegung des Auges gebundenen Empfindungsfaktoren als die pri¬ 
mären, die Gefühle dem gegenüber als sekundäre Momente erkennen 
lassen, zeigt es sich, daß zwar gewisse Größentäuschungen gerade 
so wie jene Gefühle des Emporstrebens, der Leichtigkeit, der 
Festigkeit usw. von objektiven Assoziationen abhängen können, daß 
dabei aber beide Wirkungen im allgemeinen unabhängig vonein¬ 
ander veränderlich sind. So erscheinen mir die in Fig. 3 und 4 in 
entgegengesetztem Sinne stattfindenden Höhentäuschungen ungefähr 
gleich groß; aber das Gefühl des Emporstrebens und seines Gegen¬ 
satzes erweckt mir deutlich nur der Anblick der Fig. 4, während 
ich bei Fig. 3 kaum etwas davon bemerken kann. Das ist im 
Hinblick auf die objektiven Assoziationen begreiflich. Eine größere 
oder kleinere Tafel ist für uns ein relativ gleichgültiges Ding; an 
den Körperverhältnissen eines Menschen nehmen wir mit unserem 
eigenen Gefühl teil: wir strecken uns mit dem Langen und dehnen 
uns mit dem Breiten. Nicht als ob dabei objektiv nachweisbare 
Veränderungen unserer Körpergröße stattfinden müßten — obgleich 
auch das nicht unmöglich ist —, doch der niemals ganz fehlende 
Antrieb zur Nachbildung des Geschauten wird naturgemäß dann in¬ 
tensiver empfunden, wenn dieses Geschaute ein uns ähnlicher und 
gleich uns fühlender Mensch ist. 
Können aber auch die objektiven Assoziationen und die subjek¬ 
tiven Gefühlswirkungen relativ unabhängig nebeneinander hergehen, 
so ist doch damit natürlich nicht ausgeschlossen, daß sie nicht in¬ 
einander eingreifen können, indem die Vorstellungsassoziation den 
Gefühlsfaktor, und dieser wieder die erstere zu heben vermag. So 
scheint in der Tat in Fig. 6 in der an die Säule erinnernden Kom¬ 
bination B der ein lebhaftes Gefühl des Emporstreckens erweckende 
Schaft etwas höher zu sein als das objektiv gleiche isolierte Recht¬ 
eck in A. Anderseits assoziiert sich ja aber auch das Bild der 
Säule schon objektiv mit der Vorstellung einer bedeutenden Höhen-
        

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