Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/513/
Misons nod Drama. 
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Charakter des Römers und die Schrecken der Neronischen Zeit an 
dieser Steigerung ins Grausenhafte beteiligt sind, im ganzen liegt 
doch auch diese Wendung in den von Anfang an der tragischen 
Kunst immanenten Motiven begründet Die Affekte der Furcht und 
des Schreckens fehlen ja von Anfang an nicht. Denn es ist der 
tiefe Emst des Lebens, wie er in den Wechselfallen des Schicksals 
waltet, der in der Tragödie durch die Projektion in die Heroen- 
und Götterwelt ins Ungeheure gesteigert wird. Aber jetzt erst, 
nachdem die Religion ihre versöhnende Macht eingebüßt hat und 
der Trost einer das Leiden durch die Lust am tätigen Leben mil¬ 
dernden Philosophie versagt, ist für die tragische Kunst nichts als 
die Furcht und der Schrecken selbst übriggeblieben. Es ist eine 
Peripetie, die die Tragödie unter analogen äußeren und inneren 
Bedingungen auch in späteren Zeiten noch des öfteren erlebt hat. 
Nicht in dem Furchtbaren, dem Erschütternden, das ihr nie fehlendes 
Grundthema ist, sondern in der Stellung, die ihm und die den 
Mächten, die es überwinden, angewiesen wird, ist daher jeweils der 
Ideengehalt der tragischen Kunst begründet. 
f. Die attische Komödie. 
Im Gegensatz zur Tragödie war die Komödie selbst schon aus 
den profanen Bestandteilen der religiösen Festfeier hervorgegangen. 
Von der Verweltlichung eines ursprünglichen religiösen Inhalts 
konnte daher bei ihr nicht die Rede sein. Wohl aber war es jene 
Maskenfreiheit, deren sich die Dionysischen Umzüge unter dem 
Schutz der religiösen Festfeier erfreuten, die der aus ihnen ent¬ 
sprungenen alten Komödie jene einzigartige, später* nie wieder er¬ 
reichte Stellung gab, aus der sie gegen politische und soziale Mi߬ 
bräuche, gegen Staatemänner, Philosophen und Poeten ungefährdet 
ihre satirischen Pfeile richten konnte. War damit der Komödie von 
vornherein ein ganz anderes Ziel gesteckt, so ergab sich daraus 
von selbst, daß sie sich auch zu einer völlig eigenartigen Kunst¬ 
form entwickelte, die mit der Tragödie eigentlich nur die äußeren 
Eigenschaften der dramatischen Aufführung gemein^ hatte, in dem 
Aufbau und der Gliederung der Handlung aber völlig eigene Wege 
ging. Die alte Tragödie war in ihrer vollentwickelten Form in erster
        

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