Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/508/
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Die Phantasie in der Kunst. 
mit der hier die verschiedenen Formen des Dramas nebenein¬ 
ander aus einer und derselben religiösen Festfeier hervorgewachsen 
sind. Während nicht nur aller Wahrscheinlichkeit nach der älteste 
Mimus, sondern auch der viel spätere der christlichen Oster- und 
Weihnachtsspiele, ganz allmählich die Phasen des mythologischen, 
des religiösen und des burlesken Mimus durchliefen, sind aus den 
Mysterien der Dionysosfeste die Tragödie, die Komödie und das 
Satyrspiel nebeneinander hervorgegangen, wenn sie auch freilich 
ihre künstlerische Vollendung nicht vollkommen gleichzeitig erreicht 
haben. Denn jede dieser Formen ist die Weiterbildung verschiedener 
im Kult des Gottes vereinigter Bestandteile der allgemeinen Festfeier. 
In der Tragödie fanden die vom dithyrambischen Kultgesange be¬ 
gleiteten ernsten Zeremonien, die der Erinnerung an die Leiden des 
Dionysos, seinen Tod und seine Wiederkunft gewidmet waren, ihre 
Fortsetzung. Die Komödie bildete sich aus den fröhlichen Fest¬ 
zügen zu Ehren des Weingottes, deren Teilnehmer, mit Phallus und 
Maske bekleidet, das alte Privilegium solcher Maskenfreiheit genossen, 
durch Scherze und witzige Verspottungen die Vorübergehenden zu 
erheitern oder zu foppen, — das klassische Vorbild der modernen 
Fastnachtsscherze. Endlich das der Komödie nahestehende Satyr¬ 
spiel ging aus den ausgelassenen Tiertänzen hervor, mit denen seit 
alter Zeit das Fest geendet hatte. In dem Chor der Satyrspiele, 
den mit Phallus, Ziegenfell und Bocksschwanz bekleideten Tänzern, 
hatte sich so mit der Wendung ins Burleske die Erinnerung an den 
mythologischen Ursprung dieser Festspiele am treuesten erhalten. 
Diese Trennung der ernsten und der heiteren Bestandteile des 
Festes und die weitere Gliederung der letzteren in eine höhere und 
eine niedrigere Komik hat hier jene Vermischung der Formen fern- 
gehalten, wie sie später in dem mittelalterlichen Mysterienspiel ein¬ 
trat und von da aus teilweise auch in das moderne Drama über¬ 
gegangen ist. Wenn übrigens die künstlerische Ausbildung dieser 
Gattungen nicht gleichen Schritt hielt, da die Komödie erst allmäh¬ 
lich von der improvisierten Prosaform zu einer strengeren dichteri¬ 
schen Komposition überging, so entsprach das nur den Ursprungs¬ 
bedingungen beider. Fand doch die Tragödie in dem Dithyrambus 
bereits eine hoch ausgebildete dichterische Form vor, an die sie 
sich anlehnte, indes die Komödie wohl erst unter der Wirkung des
        

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