Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/507/
M irons nnd Drama. 
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zugehen. Nur freilich darf nicht jede beliebige Übereinstimmung, 
sondern nur eine solche, die unzweifelhaft den Charakter eines 
singulären Merkmals besitzt, als Beweis gelten. Darum ist es 
weder die Eigenschaft, Szenen aus dem täglichen Leben übertreibend 
nachzuahmen, noch die Entstehung der eigentümlichen mimischen 
Typen, der körperlich Mißbildeten, der tierähnlichen Menschen¬ 
gestalten, der Figuren des Dummen und des Schlauen, endlich das 
Auftreten der konstanten komischen Figur, was an sich zwei For¬ 
men in eine geschichtlich-genealogische Beziehung bringt Wenn 
dagegen im türkischen Schattenspiel gewisse Hauptpersonen in alt¬ 
griechischer Tracht auftreten, oder wenn der Kahlkopf und die 
spitze Narrenkappe vom mimischen Narren der alexandrinisch-römi- 
schen Zeit bis zum Clown des modernen Zirkus herabreichen, so 
sind das unzweifelhafte Zeugnisse eines geschichtlichen. Zusammen¬ 
hangs. Auch sind aus naheliegenden Gründen äußere Überein¬ 
stimmungen wie diese beweisend, selbst wenn sie sich nur auf 
wenige Merkmale erstrecken, wogegen die durch innere Verwandt¬ 
schaft verbundenen Charaktere und Motive um so größer an Zahl 
sein müssen, je allgemeingültiger die psychologischen Bedingungen 
sind, auf denen sie beruhen. 
e. Die antike Tragödie. 
Wie der primitive Mimus nach den Zeugnissen der Ethnologie 
wahrscheinlich überall aus Handlungen eines ursprünglichen Zauber¬ 
kultus, nämlich aus dem mimischen Tanz und der Tierpantomime, 
hervorgegangen ist, so hat auch noch das griechische Drama aus 
den Zeremonien der Mysterienkulte seinen Ursprung genommen. 
Darin verrät es sich von vornherein als eine Erscheinung, die nicht 
außerhalb jener allgemeinen Entwicklung steht Dennoch besitzt 
diese Sonderentwicklung spezifische Eigenschaften, und sie steht 
unter Bedingungen, die ihr in gewissem Maße den Charakter einer 
Singularität verleihen, deren Eindruck durch die bleibende Bedeutung 
der hier entstandenen Schöpfungen und durch die Geschlossenheit 
der ganzen, mit wunderbarer Schnelligkeit verlaufenden Entwicklung 
erhöht wird. Was aber der Geschichte des griechischen Dramas 
außerdem noch gegenüber den analogen Erscheinungen älterer und 
späterer Zeit einen eigenartigen Reiz gibt, das ist die Gleichzeitigkeit
        

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