Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/496/
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Die Phantasie in der Kunst 
der das Herumtappen des Blinden imitiert. Da in diesem Falle der 
Naehahmende und sein Gegenstand einander sehr viel näher stehen 
als bei der Tierpantomimik, so assoziieren sich aber unvermeidlich 
auch mit jenen körperlichen und geistigen Gebrechen direkt die 
gewohnten Eigenschaften des Menschen, und die Kontrastwirkung 
kann auf diese Weise, auch ohne die mimische Nachahmung, durch 
deren Gegenstand selbst schon erweckt werden. Das kann hier 
in der Tat zu einer Verspottung fuhren, die aus Schadenfreude und 
Selbstzufriedenheit gemischt ist. Aber offenbar ist das eine sekun¬ 
däre Wirkung, und nicht der komische Effekt selbst, der durch 
solche Nebeneffekte höchstens beeinträchtigt werden kann. Bilden 
darum auch derartige Nachahmungen neben der Tierpantomime 
die häufigste Form primitiver burlesker Mimik, so ist es doch wie» 
derum nicht das Gebrechen als solches, sondern der starke Gegen¬ 
satz, in dem es mit der wirklichen Persönlichkeit des Mimen steht, 
auf dem die komische Wirkung beruht. Darum erzielt nicht der Narr, 
der selbst dumm ist, die größten Lacherfolge, sondern der Schlaue, 
der sich dumm stellt; und der Mime, der die ungeschickten Be- 
wegungen des Blinden oder das Hinken des Krüppels nachahmt, 
wirkt am erheiterndsten dann, wenn er gelegentlich absichtlich aus 
der Rolle fällt. 
Als drittes Stadium, mit dem die Burleske erst zum eigentlichen 
Mimus wird, schließt sich daran endlich die Darstellung von Szenen 
aus dem Leben, die teils durch die handelnden Persönlichkeiten, teils 
durch den Inhalt der Handlung erheiternd wirken. Beide Momente 
sind unerläßliche Attribute des komischen Mimus. Dieser über¬ 
nimmt die komische Person im wesentlichen aus der vorangegan¬ 
genen Stufe der einzelnen burlesken Pantomime ; den Zusammen¬ 
hang der komischen Handlung bringt er aber neu hinzu, und, indem 
er dadurch der komischen Person Gelegenheit gibt, ihre lächerlichen 
Eigenschaften in vollem Lichte zu zeigen, steigert er überdies den 
komischen Kontrast durch den Gegensatz, in dem nun verschiedene 
Personen mit abweichenden Eigenschaften zueinander stehen können. 
Auch hier beruht daher der Effekt nicht auf der bloßen Wieder¬ 
gabe der Wirklichkeit, sondern auf der Vorführung von Gegen¬ 
sätzen, die freilich schon im wirklichen Leben nicht fehlen, die 
aber doch erst durch den doppelten Kontrast der übertreibenden
        

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