Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/485/
Mimas and Dnuns. 
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monen oder Göttern nachahmt, um dadurch einen Zauber auf sie 
auszuüben oder sie durch solche Leistungen günstig für bevorstehende 
Unternehmungen zu stimmen. Dabei ist der primäre unter diesen 
beiden Zwecken, die Zauberwirkung des Tanzes, ursprünglich immer 
von der Vorstellung getragen, daß der Tanzende selbst dem dämo¬ 
nischen Wesen, auf das er einen Zwang ausüben will, gleich sei. 
Die PhaUophorenprozession, die sich im Tanzschritt über die Felder 
bewegt, um das Wachstum der Aussaat zu fördern, die Priester- 
und Kultgenossenschaften, die in Tier- und Wolkenmasken tanzend 
und singend den Regen herbeifuhren wollen, sie werden dadurch 
selbst den Vegetations- und Wetterdämonen gleich, die sie durch 
ihr Tun zum Handeln antreiben. So ist das erste und wesentlichste 
Merkmal des Mimus, daß er Nachahmung eines vorgestellten Er¬ 
lebnisses ist, schon der ursprünglicheren Form, aus dar er hervor¬ 
geht, dem mimischen Tanz eigen1). Nur eine Bedingung muß noch 
hinzukommen, um diesen unmittelbar in den eigentlichen Mimus 
Überzufuhren. Sie besteht in dem Zusammenwirken verschiedener 
handelnder Personen, wobei die Gesänge und Reden, von denen 
der Kulttanz begleitet wird, an diese nach den ihnen zugewiesenen 
Rollen verteilt werden. Anfänge dieser Entwicklung zum Mimus 
zeigt der Kulttanz vielfach bereits in primitiven Zuständen. Schon 
die häufig angewandten verschiedenen Tiermasken bringen eine 
solche dem mythologischen Charakter der Tiere entsprechende 
Rollenverteilung mit sich. Aber in manchen Fällen fehlen auch 
weitere Unterscheidungen nicht, die mit totemistischen Vorstellungen 
oder mit dem Kultus spezifischer Naturgötter Zusammenhängen. Wo 
in solcher Weise zusammengesetzte Kultzeremonien sich ausbilden, 
da enthalten daher diese auch die Anlage zum mythologischen 
Mimus, der in dem Augenblick aus ihnen hervorgeht, wo die mytho¬ 
logischen Wesen nicht bloß durch einzelne äußere Attribute oder 
Masken angedeutet werden, sondern wo die Personen, die sie dar¬ 
stellen, nun auch dieser ihrer Rolle entsprechend handeln und reden. 
Darum sind die großen religiösen Feste, bei denen die gehobene 
festliche Stimmung diesen Übergang begünstigt, die eigentlichen 
Geburtsstätten des religiösen Mimus. So entwickelten sich im alten 
*) Siehe oben S. 409 ff.
        

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